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Bastard Ass(i) from Hell #13 - #18

Nach oben Bastard Ass(i) from Hell #13

© Florian Schiel

Ich überprüfe gerade meinen Tricorder, als die Tür zum Turbolift aufrauscht. Es ist der Captain. "Err...äh... Leisch, wir haben heute nachmittag hohen Besuch vom Wissenschaftsministerium. Ein Herr... äh... Butterhaupt und seine Kollegen. Herr Butterhaupt ist direkter Referent des... err... Ministers... ähm..." Aha, Admiral Schmalzkopf und sein Stab möchten unsere neuesten Einrichtungen auf dem Maschinendeck inspizieren. "Vielleicht können wir was vorführen?" schlägt der Captain hoffnungsvoll vor. "Aye, Captain", sage ich gelassen. Der Captain lässt seinen Blick über die Hauptkonsole des Warpkernelmodulators gleiten. "Was machen Sie da gerade, Leisch?" "Ich versuche, den isotonischen Tricorder so zu erweitern, dass er bei einem Kanalwechsel automatisch den BSE Faktor erfasst", erkläre ich. "BSE?" grübelt der Captain, "ist das diese Rinderseuche?" "Nein, Captain. BSE bedeutet 'Besonders Schlechte Einschaltquote'. Auf diese Weise vermeiden wir, dass unsere Leute auf den Ausseneinsätzen aus Versehen in den miesen Kanälen hängenbleiben und dann von hinten überrascht werden." Der Captain nickt verwirrt, aber anerkennend. "Ah... äh... gut, gut, Leisch. Wir sehen uns dann am Nachmittag, nicht?" Sternzeit 42345,6. "Aye, Captain."

Keine 3 Sekunden später meldet sich der Computer: "Notfall auf dem Mannschaftsdeck 5. Totalausfall der Kommunikation und Steuerungskontrollen." Ich aktiviere meinen Kommunikator und rufe: "Maschinenraum an Mannschaftsdeck 5. Was ist passiert?" "Äh, es sieht so aus, als ob die Hausmeister mal wieder einen Netzknoten geliefert haben", meldet sich die resignierte Stimme einer Wissenschaftsoffizierin. "Können Sie kurz mal vorbeikommen?" Diese Klingonen! Riesenköpfe und kein Gramm Hirn darin! Wahrscheinlich haben sie wieder mal gerauft. "Ich bin unterwegs", rufe ich und schnappe mir den Reparaturkit. Im Mannschaftsdeck 5 erwartet mich bereits die Wissenschaftsoffizierin, mit der ich gesprochen habe. Sie kniet vor dem betroffenen Netzknoten und betrachtet besorgt die Trümmer. Hinter ihr stehen die beiden Klingonen, beide in blauen Hausmeisterkitteln, und machen trotzig finstere Gesichter. "Na, meine Herren? Was haben wir denn heute wieder verbrochen?" sage ich lächelnd. Zu Klingonen spreche ich nur noch lächelnd, seitdem ich einmal ... aber das ist eine andere Geschichte. "Äh...", sagt der eine. Der andere knurrt nur drohend etwas in seinen Bart. Mit einem Blick sehe ich, dass sie nur die Netzverteilerdose eingedrückt haben, und repariere den Schaden mit meinem Zauberstab. "Alles in Ordnung", sage ich zur Wissenschaftsoffizierin, die mir besorgt über die Schulter geguckt hat, und sie eilt frohlockend zurück an ihren Arbeitsplatz. Die Klingonen stehen noch etwas betreten herum, dann verziehen sie sich wieder in ihren Glaskasten.

Ich bin wieder im Maschinenraum und teste gerade den reparierten Knoten, als plötzlich der Subraum-Ethawellen-Kommunikator aktiv wird. Eine Subraum-Anomalie im Warpkernel! Systemparameter werden kritisch! Waffensysteme ausgefallen! Die Warnungen rauschen schneller durch, als ich sie lesen kann. Ich löse roten Alarm aus. Warpkernel auf 30 % heruntergefahren! Gefahr des Warpkernelbruchs! Subraum-Neutrino-Aktivität überschreitet kritischen Bereich! Die Brücke meldet sich: "Äh... Herr Leisch? Haben wir ein Maschinenproblem? Ich kann meinen Cursor nicht mehr bewegen..." "Wir arbeiten dran", schnappe ich und schalte den Interkom aus. Lebenserhaltungssysteme nur noch auf Notenergie! Kaffeemaschine nur noch auf halber Kraft! Es hilft nichts. Immer mehr Kontrollen sind einfach nicht mehr ansprechbar. Ich leite einen totalen Shutdown des Warpkernels ein. Die Warnungen flimmern über die Anzeigen im ganzen Schiff. Zum Glück schaffe ich es. Es wird still im Maschinenraum.

Ein Wissenschaftsoffizier und ein Fähnrich tauchen in der Tür zum Turbolift auf. "Ist Ihre Maschine auch abgestürzt?" fragt der Wissenschaftsoffizier. Ich nicke nur und leite die Warpspulen-Initialzündung ein. Keine Zeit für Diskussionen. Langsam kommt die Energie wieder hoch. Der Warpkernel wird wieder stabil. Neutrino-Aktivität flacht ab. Erleichtert atme ich auf. Wieder einmal wurde das Schiff durch meinen selbstlosen Einsatz vor der totalen Vernichtung bewahrt. Ich schalte den Interkom wieder ein. "Äh... hallo?" quäkt die einsame Stimme des Captains aus dem Lautsprecher. "Kann mich jemand hören? Leisch... sind Sie da?" "Alles in Ordnung, Captain. In ein paar Sekunden haben Sie wieder die volle Kontrolle", sage ich. "Ah? Ah... ja. Sie haben recht, Leisch. Der Cursor lässt sich wieder bewegen. Danke..."

Während ich noch auf die Schadensmeldungen warte, kommt schon wieder ein Notruf über Subraum-Etha. Ich lausche konzentriert der aufgeregten Stimme. Aha, auf dem Computerdeck hat ein flagelanischer Putzdrache mit seinem glühenden Schweif eine Energieleitung durchtrennt. Jetzt ist die Leistung des Bordcomputers in diesem Bereich nur noch auf 20 %. Nicht genug um manövrierfähig zu bleiben. Ich sprinte los.

Der flagelanische Putzdrache ist noch am Tatort. Wie immer ist er unverletzt. Flagelanische Putzdrachen haben einen mehrfach abgesicherten Schutzengel-Reflex, der sie vor jeglichem Schaden bewahrt. Leider bewahrt er sie nicht davor, mit ihren diversen glühenden Schweifen, saugenden Schaufeln und bepelzten Mops ihre Umgebung zu verwüsten. Vor gar nicht langer Zeit hat ein flagelanischer Putzdrache einen halben Eimer mit dreckigem Putzwasser in einen Energieverteiler gekippt. Es gab eine Explosion und der Raum wurde durch herumspritzendes Plasma vollständig zerstört. Der Putzdrache blieb unverletzt. Diesem Putzdrachen ist die Sache überaus peinlich; er streicht verlegen mit einem Mop über die dunklen Computerkonsolen der Umgebung. Zum Glück ist es kein glühender Schweif.

Ich nähere mich langsam, um den ohnehin schon nervösen Putzdrachen nicht zu erschrecken und mache beruhigende Laute. Während ich rasch die durchtrennte Leitung flicke, jammert er in dem Putzdrachen eigentümlichen Dialekt vor sich hin: "Jejejej... wenn ich machen sauber und immer soviel Leitungs auf die Boden. Das nich gutt. Immer hängen bleibt an Leitungen und Schnüren. Jejeje... auch nich gut wenn alles am Boden. nein, nein. Viel schneller wäre, wenn nur nich soville Leitungen auf die Boden, jejejej..." Ich versichere dem flagelanischem Putzdrachen langsam, dass wirklich nichts Tragisches passiert sei, und er zieht jammernd mit seinen ganzen Schweifen, Mops und Schaufeln von dannen. Auf dem Rückweg denke ich, dass sich die Sternenflotte ruhig mal ein besseres Putzkommando leisten könnte. Vielleicht die iridianischen Schlammsauger?

Als in den Maschinenraum zurückkomme, ist die Inspektion der Sternenflotte bereits vollzählig anwesend und verstopft die Zwischenräume um den Warpkernel. Der Captain ist auch dabei und redet verzweifelt auf den Admiral ein: "Ah... äh... das ist ja Herr Leisch. Darf ich vorstellen: Herr Leisch, Herr Butterhaupt..." Ich trete vor den Admiral und nehme Haltung an. Der Admiral zieht die ausgestreckte Hand zögernd zurück und betrachtet mich unsicher. Ich weiss genau, wie man mit hohen Offizieren umgehen muss; bloss keine Anbiederung, das können die nicht vertragen. "Ja... äh... vielleicht erklären Sie uns ganz kurz, woran Sie hier gerade arbeiten...", sagt der Captain gönnerhaft lächelnd. Ich hole tief Luft. "Im Prinzip ist die Sache ganz einfach", beginne ich. Der ganze Stab von Admiral Schmalzkopf, lauter Typen im Rang eines Commanders, grinst erleichtert. "Sie alle wissen, wie ein normaler Warp-Antrieb funktioniert, und dass wegen der hohen Neutrinodichte an der Spitze des Kerns Geschwindigkeiten oberhalb von 9,6 Warp unmöglich sind, weil dann die retro-perpendikulare Sensorphalanx, die wir zur Eindämmung des Warpkernelfeldes brauchen, unter der Shannonstrahlung schmelzen würde." Die ersten lächelnden Fassaden beginnen einzustürzen. Wartet nur, es kommt noch besser. "Um die Neutrinoflussdichte zu veringern, plazieren wir knapp unterhalb des parabolischen Matrix-Tensors, also dort,wo sich die Gravitationskrümmung am stärksten auswirkt, eine künstliche Subraumanomalie, die den grössten Teil der Neutrinos in ein anderes Parallel-Universum ableitet. Natürlich wissen Sie alle, dass sich so eine Subraum-Anomalie nicht aufrecht erhalten lässt, weil nach dem Konwalt-Lombard-Gesetz die Halbwertszeit der Anomalie umgekehrt proportional dem Cosinus-Hyperbolicus des Einfallswinkels der Tachionen ist." Der ganze Stab bemüht sich so auszusehen, als ob ihnen das schon als Kadetten in der Akademie der Sternenflotte aufgefallen sei. "Aber jetzt kommt unser kleiner Trick: wir unterwerfen den Tachionen- Strom einen zirkular instabilen Tensorfeld, welches bewirkt, dass die Zeit für diese Tachionen schneller verläuft als für den Rest des Raums. Und da jeder weiss, dass Tachionen bei Zeitbeschleunigung einem orthogonalen Kraftvektor unterliegen, wird der Einfallswinkel zu Null und die Halbwertszeit der Anomalie geht gegen Unendlich." Admiral Schmalzkopf starrt mich an, als ob ich ein plötzlich im Maschinenraum materialisierter jamkanischer Oktesel wäre. Der Stab beobachtet ihn verstohlen und wartet gespannt auf seine Reaktion. Dem Captain tropft der Schweiss von der Stirne. "Aha", sagt der Admiral schliesslich mit soviel Verzögerung, dass jedem klar wird, wieviel er mitbekommen hat, nämlich gar nichts. "Ausgezeichnet. Und der Gewinn...?" "Der Gewinn liegt bei circa 250 % mehr Leistung", springe ich bereitwillig ein. "Ah", freut sich der Admiral, und der Stab entspannt sich sichtlich. 250 % Leistung, damit kann er was anfangen. Er hat irgendwann mal gelernt, dass alles über 100 gut und alles darunter schlecht ist. Zumindest in den meisten Fällen. Manchmal auch umgekehrt. "Phantastisch", sagt er strahlend. "Machen Sie nur weiter so." Die Inspektion der Sternenflotte zieht weiter.

Wenig später schaut Kollege O. von der Waffentechnik herein. "Wollen wir was Essen gehen?" fragt er. "Ok", sage ich, "ins '10 Faune' oder ins 'Kworks'?" "Wie bitte?" "Vergiss es. Ich hab' eh' keine Lust auf Ferengi-Küche. Holen wir uns ein klingonisches Sandwich." Während wir den Korridor entlang gehen, fragt O.: "Und? Was hast du das Wochenende über getrieben?" "Nur 'n paar Startrek-Videos 'reingezogen."


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Ich sitze in meinem Büro und warte zur Abwechslung mal darauf, dass das Telefon klingelt. Ich wünschte zwar, es würde das lassen, aber bis jetzt hat die Erfahrung gezeigt, dass solche Wünsche in den oberen Rängen meistens unberücksichtigt bleiben.

Vor allem wenn sie von mir kommen.

Also habe ich beschlossen, heute den Spiess umzudrehen. Nach Murphy's Law klingelt ein Telefon mit höchster Wahrscheinlichkeit gerade dann, wenn man mitten in einer wichtigen Arbeit steckt oder gerade in der Badewanne sitzt. Das ist wie mit dem bekannten Milchtopf, der nicht kocht, solange man ihn bewacht. Folglich werde ich heute das Telefon bewachen, bis es wegen Nicht-Klingelns schwarz wird.

Keine drei Stunden später macht das Telefon alle meine Hoffnungen zunichte: Es läutet.

Ich lasse es dreimal läuten, dann hebe ich ab: "Hallo?" sage ich. " Ich hätte gerne ein grosse Pizza Nummer 5 mit extra Champignons, eine kleine Salami und eine kleine Pepperoni." "W... was?" "Ist dort nicht die Pizza-Hotline?" frage ich. "Nein, ich..." "Dann habe ich mich wohl verwählt. Entschuldigen Sie bitte." "Aber..." Ich lege auf.

In diesem Moment trabt das Doggen-Monstrum vom Hausmeister an meiner offenen Bürotüre vorbei. Das ist die Gelegenheit. Mit meinem Lunch-Sandwich locke ich das strohdumme Vieh in mein Büro. Gleich darauf klingelt wieder das Telefon. Ich hebe ab, schalte auf Mithören und halte der Dogge den Hörer hin. "Hallo?" klingt es aus dem Lautsprecher. Er ist es wieder.

Die Dogge des Hausmeisters ist bekannt dafür, dass sie bei jeder Art von High Tech grosses Unbehagen empfindet. Unbehagen äussert sich bei ihr in Form von lautem Winseln und Jaulen. (Dabei fällt mir gerade auf, dass die Dogge in dieser Hinsicht grosse Ähnlichkeit mit unseren ökologisch angehauchten Studentengruppen hat. Vielleicht sollte ich sie mal zu einer Studenten-Hauptversammlung mitbringen.) Der Dogge ist die körperlose Stimme aus den Telefonhörer schon High Tech zuviel. Sie beginnt zu winseln. "Wer ist da? Hallo? Ich wollte Herrn Leisch..." Das Winseln steigert sich zum herzzereissenden Fiepen. "Ist da jemand?... Geht es... ich meine, fühlen Sie sich nicht wohl?... Hallo..." Die Dogge des Hausmeister wirft den Kopf in den Nacken und beginnt laut zu heulen. "UM GOTTES WILLEN! WAS PASSIERT DENN DA?! HÖRT MICH DENN KEINER?!" Ich lege auf und entlasse die erleichterte Dogge in den Gang. Dann lenke ich meinen Anschluss auf die Nebenstelle der RKFH um.

Als ich von einem ausgedehnten Snack in der Cafete zurückkomme, steht der riesige Kübelstaubsauger der Putzfrau vor meiner Bürotür.

Das missfällt mir.

Erstens kann ich das veraltete Ding sowieso nicht ausstehen, weil sein mittelalterliches Geheule mir regelmässig Alpträume während der Mittagspause verursacht. Hundertmal habe ich dem Chef schon vorgeschlagen, ein modernes schallgedämpftes Modell anzuschaffen, das dem High Tech Charakter unseres Lehrstuhls angemessen ist. Zweitens blockiert es, so wie es dasteht, den Zugang in mein Büro. Die Putzfrau selber ist natürlich nirgends zu sehen; wahrscheinlich schwatzt sie mal wieder ausgiebig mit Frau Bezelmann. Ich schnalle den verbeulten Deckel ab und entferne den Staubfilter vor dem Auslassstutzen. Dann plaziere ich den Kübelstaubsauger gegenüber meiner offenen Bürotür, so dass ich ihn noch gut im Blickfeld habe.

Keine Stunde später höre ich den Chef seinen 14-Uhr-Rundgang beginnen. Während er den Gang herunterschreitet, unterhält er sich väterlich mit der Putzfrau. Der Chef gibt sich gern sozial gegenüber seinen subalternen Angestellten. "Und... äh... wie befindet sich Ihre werte Familie?" "Uh... wann der Klainä nua mal mecht bessa wean mit sain Aschtma, necht? Un da Mann nua necht sovill trinken mecht. Un denn es de Tantä noch laida gstorm..." "Gut, gut, das freut mich aber...", sagt der Chef leutselig lächelnd. Der Chef hat trotz ausgeprägten Sozialbewusstseins leichte Probleme mit der Sprache der Putzfrau. Das macht aber gar nichts, weil die Putzfrau die gleichen Probleme mit dem Chef hat.

Inzwischen sind sie beim Staubsauger angelangt, und die Putzfrau, die dem Chef zeigen möchte, wie ausgesprochen arbeitswütig sie heute wieder ist, setzt das heulende Ungetüm sofort in Gang. Durch den fehlenden Filter wird der staubige Inhalt des Kübels mit beträchtlicher Geschwindigkeit herausgepustet. Es entsteht eine Art Mini-Atompilz im Gang, der das Haupt des Chefs wie ein Glorienschein umwallt. Der Chef schnappt vor Schreck nach Luft und bekommt eine geballte Ladung Tschernobyl-Staub in die Lunge.

Die Putzfrau findet vor Aufregung den Schalter nicht und rüttelt hektisch an dem heulenden Kübel herum. Das erweist sich als Fehler, weil sich nun auch die schwereren Teile in Bewegung setzen und ihren Weg in durch den Auslassstutzen finden. Es schneit Papierschnitzel und Zigarettenstummel über den Chef, der sich mitten in einem krampfhaftem Hustenanfall befindet. Undefinierbare Metallstückchen schiessen als bösartig surrende Querschläger durch den Gang und treffen beinahe Kollege O. und Marianne, die neugierig aus ihren Büros spähen. Endlich schafft es der Chef geistesgegenwärtig, sich in das Netzkabel zu verheddern und den Stecker aus der Wand zu ziehen. Wie ein auslaufendes Boeing-Triebwerk kommt der antike Kübelstaubsauger langsam zur Ruhe.

Die Putzfrau stottert unzusammenhängendes Zeug; der Chef versucht krampfhaft, sein Soziallächeln aufrechtzuerhalten. Allerdings bröckelt es am linken Mundwinkel schon etwas.

Frau Bezelmann, die immer zur Stelle ist, wenn etwas Amüsantes ausserhalb der üblichen Routine passiert, beginnt die Glatze des Chefs mit einem gelben Spüllappen abzustauben. Der Blick des Chefs fällt auf mich. Einen winzigen Moment lang denke ich, dass er.. aber nein. Er sagt lediglich: "Äh... Leisch. Ich glaube, wir könnten einen neuen Staubsauger gebrauchen, meinen Sie nicht?"


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Ich mache meine übliche Runde durch die Labors und Institutsräume, um zu sehen, ob alles seinen gewohnten Gang geht. In der Herrentoilette versenke ich in jedem Pissoir einen Tampon. Das sind ganz geniale Dinger: die quellen im Wasser blitzschnell auf und verstopfen todsicher den Abfluss.

Insgesamt scheinen mir in den Labors zuviele Rechner am Laufen zu sein; also lockere ich unauffällig zwei CheapWire-Verbindungen im Werkstudentenzimmer. Das CheapWire oder ThinWire ist eine grossartige Erfindung: nicht nur dass die unzähligen BNC- Verbindungsstücke die Quelle ebenso unzähliger Fehlfunktionen sein können, darüber hinaus ist es unmöglich, eine Fehlfunktion einfach zu lokalisieren. Man muss das Netz Stück für Stück auftrennen und den Fehler langsam einkreisen. In der Praxis bedeutet dies, unter den Schreibtischen und in den staubigsten Ecken herumzukriechen und die Steckverbinder aufzuschrauben. Ganz unmöglich wird die Fehlersuche, wenn das Netz an ZWEI Stellen unterbrochen ist, weil man dann praktisch nur durch Zufall die Fehlerstellen finden kann.

Die Studenten sollten mir dankbar sein. Schliesslich bekommen die Dauerhacker wenigstens auf diese Weise ein bisschen Bewegung.

Im Nichtraucherzimmer der Diplomanden schnuppere ich prüfend in die Luft. Nichts. Nicht die Spur eines Zigarettenrauchs.

Mist!

Das bedeutet, dass mein genialer GlimmoMat wieder mal ausgefallen ist. Ich hole die Leiter aus der Werkstatt und öffne den Inspektionsschacht zur Klimaanlage. Aha! Der GlimmoMat ist nicht ausgefallen, aber der Vorrat an Gauloises ist aufgebraucht. Der GlimmoMat - eine meiner genialsten Erfindungen - verkokelt pro Woche etwa ein Päckchen und lässt den entstehenden Gestank über die Klimaanlage in den Nichtraucherbereich strömen. Natürlich nur gerade soviel, dass es nicht auffällt.

Ich gehe hinunter zur Cafeteria und stecke 5 Mark in den Zigarettenautomaten. Als ich auf den Knopf drücke, kommt statt des erwarteten Päckchens und Wechselgeldes nur ein kleiner rosarot gefärbter Zettel aus dem Schacht geflattert. Ich lese, was darauf steht:

Wir gratulieren! Dieser Automat hat Sie soeben davor bewahrt, Ihre Gesundheit noch weiter zu schädigen. Der von Ihnen freundlicherweise eingeworfene Spendenbetrag wird dem gemeinnützigen 'Verein für ein nikotinfreies Sonnensystem' auf Omikron 16 gutgeschrieben. Vielen Dank.

Und darunter, ganz klein:

Spendenbestätigung Der 'Verein für ein nikotinfreies Sonnensystem' ist als gemeinnützig anerkannt (Bescheid vom Finanzamt Beteigeuze 78, St.-Nr. 333545676-9897-AZ). Wir bestätigen, dass wir den uns zugewandten Betrag satzungsgemäss verwenden werden.

'Zugewandter Betrag' ist echt gut, denke ich und betrachte den Zigarettenautomaten etwas genauer. Jetzt erst bemerke ich, dass unter den einzelnen Zigarettenmarken ganz klein vermerkt ist:

"Das Drücken dieser Taste bewahrt Sie davor, genau diese Marke zu rauchen."

Genial. Einfach genial. Warum bin ich noch nicht selber darauf gekommen? Eigentlich, wenn man es genau überdenkt, gibt es an der ganzen Uni nicht sehr viele Leute, die sich so etwas Geniales ausdenken könnten. Auf dem Rückweg zum Institut überschlage ich im Kopf, wieviele StudentInnen (Da wars schon wieder! Habt ihrs bemerkt?) wohl pro Tag auf den Trick hereinfallen könnten. Der Endbetrag beflügelt meine Schritte. Kurz darauf bin ich im Sekretariat.

Frau Bezelmann ist gerade dabei, ein neues Schild mit den Sekretariats- Öffnungszeiten während der Semesterferien an der Türe zu befestigen. "Öffnungszeiten Sekretariat", steht da in grossen Buchstaben und darunter: "Während der Semesterferien 8:00 - 12:30 Uhr, nur an geraden Wochentagen, Di und Do jedoch kein Parteiverkehr"

"Aha", sage ich, nachdem ich einen Moment überlegt habe, "zum Glück gibt es ja auch noch Sachen, die immer geöffnet sind, z.B. Tankstellen oder ZIGARETTENAUTOMATEN, nicht wahr?" Der Rabe Nero hört auf, seine ausgefransten Schwanzfedern zu glätten und fixiert mich scharf mit seinen gelben Augen. Frau Bezelmann zieht missbilligend die Mundwinkel nach unten, sagt aber nichts. "Naja", fahre ich unbekümmert fort, "die Studenten können ja dann zum Trost eine RAUCHEN, wenn sie vor verschlossener Türe stehen. Hat der Chef die Öffnungszeiten eigentlich schon mal nachgerechnet?" Ich tippe auf das Schild.

Frau Bezelmann zieht sich hinter ihren Schreibtisch zurück, der wie eine Festung aussieht und links und rechts mit riesigen Stachelpalmen bestückt ist. Sie schaut mich einen Augenblick lang forschend durch ihre blitzenden Augengläser an. Ich erwidere den eisigen Blick gnadenlos. Dann seufzt sie und sagt leise: "Wieviel?" "Kommt darauf an, was bei der Sache so erzielt wird", erwidere ich ebenso leise und stütze mich auf ihre Schreibtischfläche. "Nach meiner Rechnung müssten es schon ca. 100 Süchtige pro Tag sein, die..." "Soviele sind es nicht", protestiert Frau Bezelmann energisch. Ich bin sicher, dass sie lügt, um mich runterzuhandeln. "Na gut", sage ich, "30 % und die Sache geht weiter wie bisher." Frau Bezelmann ist einverstanden.

Beschwingt gehe ich zurück in mein Büro. Ich bin so guter Laune, dass ich heute ausnahmsweise darauf verzichte, die gesammelten Zigarettenkippen aus dem Raucherzimmer in die CDROM-Laufwerke im PC-Labor zu verteilen. Obwohl das schon mal ganz spassige Folgen hatte: ein Raucher, der zufällig im Gang vorbeikam, wurde beinahe gelyncht, als unser Hardware-Futzi endlich die Kippen aus den CDROMs rausgepopelt hatte.

Ist das Leben nicht wunderbar?


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Missmutig stochere ich mit dem Mauszeiger zwischen meinen Windows herum. Frau Bezelmann hat soeben 'Alarm gelb' ausgelöst.

(Das macht sie übrigens folgendermassen: sie schickt ihren Raben Nero, der nebenbei bemerkt nicht fliegen kann, zu Fuss mit einer entsprechend gefärbten Karte im Schnabel durch alle Gänge. Als ich zu bemerken wage, dass ein solcher Alarm-Mechanismus - erstens zu langsam (der Rabe braucht fast eine Stunde durch alle Gänge), - zweitens zu unzuverlässig (der Rabe hat keinerlei Orientierungsvermögen und begeht manche Gänge fünfmal, andere gar nicht) - und drittens für einen Alarm zu unauffällig sei (wer achtet schon auf einen alten zerzausten Raben, der eine rote Karte im Schnabel herumschleppt), zieht Frau Bezelmann zur Antwort nur höhnisch die Mundwinkel nach unten.)

Jedenfalls kam vorhin der verd..... Vogel mit einer gelben Karte im Schnabel vorbei. Und das früh am morgen!

Gelber Alarm bedeutet: Der Chef hat wieder mal ein unsinniges Drittmittel-Projekt an Land gezogen und überlegt jetzt, welchem Assistenten er es aufs Auge drücken könnte.

Bald darauf klingelt das Telefon. Auf dem ISDN-Display erkenne ich die Nummer des Sekretariats. Ich hebe ab (sic!). "Leisch." "Bezelmann hier. Der Chef hat einige Leute von der Firma ****** für heute nachmittag um 14:00 Uhr eingeladen und möchte, dass Sie auch dazustossen." Sch....! Das bedeutet, dass der Chef mich bereits in die nähere Auswahl genommen hat. Ich durchforste mein Gehirn nach einer geeigneten Ausrede, aber wie immer, wenn ich mit Frau Bezelmann spreche, fällt mir nichts Gescheites ein.

Kurz vor zwei klopft es energisch an meine Tür. Bevor ich noch rufen kann, dass hier ein wichtiger Versuch läuft, wird die Tür aufgerissen und wieder geschlossen. Ein, gelinde gesagt, ungewöhnliches Individuum steht mitten in meinem Büro und überschüttet mich mit einem strahlenden Lächeln, das schon fast an delirium dementis denken lässt, während es einen riesigen Koffer auf meinem Labortisch wuchtet. "Katzenschwanz mein Name. Schönen guten Tag", sagt, nein, singt er.

Der Mensch ist etwa 1,60 gross, vollkommen kahl mit einer Glatze, in der sich die Neonlampen spiegeln, etwas korpulent. Bekleidet ist er mit einen grosskarierten Sherlock-Holmes-Jackett und weissen Hosen, die auf kanariengelben, glänzenden Schuhen mit fünf Zentimeter hohen Plateau-Sohlen aufstehen. Auf die Inhalte und Farben seiner extrem breiten Krawatte möchte ich zum Schutze zartbesaiteter Leser und Leserinnen lieber nicht näher eingehen. Locker um den Hals gelegt trägt der Mensch mindestens 15 Pappnasen in verschiedenen Farben und Formen, während er in der anderen freien Hand eine silberne Spielzeugtrompete schwenkt.

Bevor ich auch nur 'Piep' sagen kann, quäkt er einmal kurz auf der silbernen Trompete, brüllt: "HahAAA!", holt eine Faschingspfeife aus der Tasche, die er mir auf den Tisch legt und sagt: "Hatte ich zufällig bei mir, hahaha. Können Sie ruhig behalten. War lange nicht mehr hier, wie? Aber dafür habe ich diesmal auch ganz besonders feine Sachen für Sie dabei..." Flink wie ein Wiesel öffnet er den riesigen Koffer und verteilt ein halbes Dutzend grellbunter Plastikbälle in meinem Büro. Danach setzt er zwei hüpfende Frösche und einen mittelgrossen Panzer aus grauem Kunststoff in Gang, der heulend auf mich zusteuert, während kleine Funken aus der Mündung der sich wild drehenden Kanone sprühen. Ich fasse instinktiv nach dem Panzer, bevor er mir ans Bein fährt, und der drehende Geschützturm quetscht mir den Daumen ein. Vor Schreck mache ich eine Schritt rückwärts und trete auf einen der Gummibälle, die im ganzen Zimmer herumkugeln. Der Ball quietscht wie ein eingeklemmtes Ferkel und ich stolpere wild mit den Armen rudernd gegen mein IKEA-Regal, das sich ächzend auf meine linke Schulter stützt.

Herr Katzenschwanz eilt mir sofort zu Hilfe, und wir schaffen es, das Regal wieder in eine einigermassen stabile Position zu biegen. Die ganze Zeit über quasselt der Mann ununterbrochen. Als er nach zehn Minuten endlich einmal Luft holen muss, frage ich ihn mit beherrschter Stimme, wie in drei Teufels Namen er auf den abstrusen Gedanken verfallen sei, dass ICH, ausgerechnet ICH, ihm eine ganze Wagenladung Spielzeug abnehmen würde. Es stellt sich heraus, dass Herr Katzenschwanz die Tour von einem Kollegen geerbt hat, der sich letztes Jahr wegen akuter Pädiatechnophobie in den Ruhestand verabschiedet hat. Wahrscheinlich hat der gute Mann wahllos Namen aus dem Telefonbuch gepickt, um eine möglichst umfangreiche Kundenliste zu hinterlassen. Sehr geschickt!

Herr Katzenschwanz ist untröstlich und beteuert ein ums andere Mal , wie peinlich ihm das Ganze doch sei, usw. usw. "Tja, Sie sind zwar bei mir völlig an der falschen Adresse", sage ich bedauernd, "aber andererseits haben Sie auch wieder Glück. Ausgerechnet heute haben wir Besuch von mehreren Managern, die an einem Seminar teilnehmen wollen. Und wissen Sie, was das Thema des Seminars ist?" Herr Katzenschwanz weiss es nicht und ist ganz Ohr, während er gleichzeitig versucht, die Frösche einzufangen. "Das Thema ist 'Neue Methoden der Kunden-Aquisition'. Kinderspielzeug als Werbegeschenke, das wäre doch was für Sie. Da können Sie auf einen Schlag über 10.000 Panzer abschliessen." Katzenschwanz bekommt etwas glasige Augen und stimmt mir eifrig zu. "Passen Sie auf", sage ich, "ich werde Sie mit den Leuten in Kontakt bringen, wenn Sie mir versprechen, niemanden ein Sterbenswort über mich zu sagen, ok?" Katzenschwanz ist mit allen Bedingungen einverstanden. Ein dünner Speichelfaden zieht sich aus seinem linken Mundwinkel nach unten.

Ich führe ihn mitsamt seinem Koffer über den Gang bis zum Konferenzraum. Kurzes Lauschen an der Türfüllung.Ja, der Chef monologisiert gerade salbungsvoll zu den potentiellen Drittmittelgeldgebern. "Jetzt", zische ich und schiebe den fiebernden Katzenschwanz durch den Türspalt. Dann schliesse ich die Türe mit meinen nachgemachten Generalsschlüssel ab, eile zur anderen Türe und mache dort das Gleiche.

Später am nachmittag kommt Frau Bezelmann in mein Büro. Ihre Mundwinkel zucken hämisch, als sie mir wortlos einen Akt auf den Tisch legt. ERLEDIGT steht in grossen roten Buchstaben quer über die erste Seite geschrieben. Frau Bezelmann und ich, wir wechseln einen Blick und beinahe, beinahe hätten wir beide ganz kurz gelächelt. Aber nur beinahe.


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Heute ist mal wieder Besuch angesagt. Da hilft auch der Schutzschild nichts mehr. Unser nördlicher Projektpartner im SCHWAFEL-Projekt hat einen gewissen Herrn Doktor phil. Vogel zu einen eintägigen 'Arbeitstreffen' an unser Institut geschickt. So nennt man es, wenn jemand auf Staatskosten München besuchen will.

SCHWAFEL steht für 'Self Constructing Hyper Wavelet Algorithms For Extrapolating Linguistics'. Genauso grässlich wie der Titel ist auch das ganze Projekt. Übrigens weiss bis heute niemand, warum ein von der Bundesregierung gefördertes Projekt mit ausschliesslich deutschen Projektpartnern einen englischen Titel haben muss.

Herr Doktor Vogel ist Hanseate, wie er mir innerhalb der ersten 20 Sekunden erklärt, und ausserdem mit einem erstaunlichen Selbstbewusstsein ausgestattet. Er ist sehr gross, dünn und hat einen weit vorgestreckten Hals, auf dem ein langgezogener Schädel hin und herpendelt. Das längliche Gesicht mit der hohen Stirn wird noch betont durch einen schütteren Ziegenbart, der sich beim Lachen etwas sträubt. Herr Doktor Vogel lacht aber nicht viel, denn das würde seinen Redefluss behindern.

Die erste Stunde unseres 'Arbeitstreffens' lasse ich ausschliesslich Herrn Vogel reden. Dann sage ich: "Aha", und höre ihm die ganze zweite Stunde lang aufmerksam zu. Als nach der dritten Stunde noch keinerlei Anzeichen von Heiserkeit bei Herrn Doktor Vogel festzustellen sind, schlage ich vor, dass wir das Arbeitstreffen doch bei einem Arbeitsessen fortsetzen könnten. Herr Doktor Vogel ist einverstanden und redet weiter. Allerdings nützt er die Gelegenheit nunmehr dazu, um von fachlichen Themen auf persönliche umzusteigen.

Auf diese Weise erfahre ich auf dem Weg zum Lift, dass er nicht nur fachlich brillant ist, sondern auch im Privaten genau die Persönlichkeit darstellt, die ich schon immer kennenlernen wollte. Er ist natürlich ausserordentlich sportlich, spricht 5 Sprachen fliessend und hat ein Segelboot an der Elbe. In der Intimität der Liftkabine wechselt Herr Doktor Vogel zum Thema Frauen über: "Wissen Sie, ich bin immer wieder überrascht, wie unwiderstehlich ich auf Frauen wirke", sagt er gerade, als die Lifttüre sich noch einmal öffnet, und Marianne zusteigt. Die Türe schliesst sich und der Lift fährt wieder ruckend an. Ebenso setzt Herr Doktor Vogel unbekümmert die Darstellung seiner libidinösen Vorzüge fort. Mariannes Augen werden immer grösser und sie presst sich immer weiter ihre Ecke. "Es scheint nunmal der Fall zu sein, dass ich auf das weibliche Geschlecht unwiderstehlich wirke", wiederholt Herr Doktor Vogel abschliessend, falls ich den Kernpunkt seiner Aussage vielleicht verpasst haben sollte. Ich gucke Marianne an, Marianne guckt mich an. Herr Doktor Vogel guckt von mir zu Marianne, als ob er ihre Gegenwart erst jetzt zur Kenntnis nehmen würde. "Finden Sie nicht auch?" fragt er Marianne unvermittelt. Marianne wird erst knallrot, dann blass. "Oh, äh...", stottert sie, dann erlöst sie der Aufzug, der im ersten Stock die Türe öffnet. "Entschldgnsimushiaraus", nuschelt sie und schlängelt sich wie ein Aal durch den Türspalt. Herr Doktor Vogel schaut mich triumphierend an. "Haben Sie gesehen, wie sie errötet ist? Und kein vernünftiges Wort hat sie mehr herausgebracht. Ich habe fast immer eine so drastische Wirkung bei den Frauen."

Herr Doktor Vogel beginnt mich nun doch zu interessieren. Es reizt mich herauszufinden, wie weit sein Selbstbewusstsein geht.

Als wir aus dem Uni-Gebäude auf die belebte Strasse treten, strahlt die Sonne vom föhnig-blauen Sommerhimmel. "Sehen Sie", sage ich, "das reinste Bilderbuchwetter. Nur für Sie bestellt." Herr Doktor Vogel nickt beifällig lächelnd und segnet mit sanftem Blick die ganze Schöpfung, die im zu Füssen liegt. Erstaunlich! Vor dem Hauptportal der Uni deute ich auf die grosse Bayernfahne, die sich malerisch im Winde bauscht. "Extra für Ihren Besuch haben sie die Flaggen gesetzt." "Tatsächlich?" sagt Herr Doktor Vogel erfreut, bleibt für einen Moment stehen und betrachtet wohlgefällig das weissblaue Rautenmuster. Es ist nicht zu fassen!

In unserem Stammlokal erklärt Herr Doktor Vogel zunächst den gesamten Inhalt der Speisekarte für ungesund und schwer bekömmlich, bestellt schliesslich doch die Schweinshaxe und erklärt, als er sie schliesslich vor sich auf dem Teller hat, der genervten Bedienung detailiert, was seiner Meinung nach bei der Zubereitung des 'Eisbeins' alles schiefgegangen sei. Während er das 'Eisbein' mit geradezu atemberaubender Geschwindigkeit verschlingt, verlangsamt sich sein Redefluss aus rein anatomischen Gründen soweit, dass man schon fast von einem geruhsamen Mittagessen sprechen könnte. Plötzlich unterbricht sich Herr Doktor Vogel mitten im Satz und sagt: "Das Mädchen da drüben hat mir eben zugezwinkert. Ich habe es ganz deutlich gesehen." Ich drehe mich unauffällig um, kann aber beim besten Willen weit und breit kein Mädchen entdecken. Bevor ich noch fragen kann, welches Mädchen er denn meine, ist er schon aufgesprungen und rückt sich die karierte Fliege vor seinem überdeutlichen Adamsapfel zurecht. Gerade noch rechtzeitig merke ich, dass er Frankie ansteuert, der wie immer um diese Zeit seine Berliner Weisse an der Bar süffelt. Nur unter lautstarkem Protest gelingt es mir, Herrn Doktor Vogel aus der Kneipe zu lotsen. "Aber ich verstehe Sie nicht", sagt er ungehalten und befreit sich aus meinem Polizeigriff, als wir glücklich wieder auf der Strasse stehen. "Was können diese armen Geschöpfe denn schon dafür, dass sie bei meinem Anblick alle Hemmungen verlieren. Deshalb muss man sie doch nicht enttäuschen!"

Einen Augenblick überlege ich, ob ich ihn zurück zu Frankie an die Bar lassen soll, dann kommt mir eine bessere Idee. "Wir haben aber jetzt keine Zeit mehr", erkläre ich. "Der Empfang beginnt gleich." "Was für ein Empfang?" will Herr Doktor Vogel ungnädig wissen. "Aber... aber wieso wissen Sie das nicht?" wundere ich mich. "Die Institutsleitung misst Ihrem offiziellen Besuch hier in München so hohe Bedeutung bei, dass sie dem Rektor empfohlen hat, heute Nachmittag einen offiziellen Empfang zu Ihren Ehren zu veranstalten." Die Miene von Herrn Doktor Vogel hellt sich zusehends auf. "Der Empfang findet im Senatssaal statt", fahre ich fort und ziehe ihn sanft am Ärmel weiter. "Der ganze Senat wird anwesend sein; vielleicht verleiht man Ihnen sogar eine Ehrenurkunde. Oh, Gott! Jetzt sind Sie natürlich gar nicht vorbereitet. Sicher erwartet man auch von Ihnen ein paar Worte." "Natürlich", meint Herr Doktor Vogel selbstbewusst, "das ist überhaupt kein Problem. Ich werde einfach improvisieren." "Bravo", rufe ich erleichtert, "da fällt mir aber ein Stein vom Herzen." Aber Herr Doktor Vogel winkt bescheiden ab. "Das ist doch für mich überhaupt kein Problem." "Aber eines muss ich Ihnen noch sagen", fahre ich ernst fort, "ich muss Sie gewissermassen vorwarnen: Es gibt im Senat immer noch einen - nun sagen wir - etwas exotischen Professor, der immer wieder versucht, dem Redner ins Wort zu fallen. Unter uns gesagt, es sind halt nicht mehr die allerjüngsten, unsere Ordinarien." "Total verkalkt, eh?" meint Herr Doktor Vogel beifällig lächelnd. "Nun ja, das will ich nicht gesagt haben", sage ich, "aber er ist eben bekannt dafür, dass er jeden Redner bei allen Gelegenheiten zu unterbrechen versucht. Dieser besagte Professor sitzt normalerweise am Kopfende des Tisches; auch so eine Marotte von ihm: er will nur dort sitzen." Inzwischen sind wir im Uni-Hauptgebäude angelangt und stehen vor den hohen Flügeltüren mit dem goldenen Schild 'Senatssaal'. Herr Doktor Vogel zupft sich die Fliege zurecht. "Also", sage ich, "gehen Sie hinein und beginnen Sie mit ihrer Rede. Lassen Sie sich durch ihn nicht ablenken, auch wenn er schreit oder droht. Das ist ganz normal." Ich öffne die Türe eine Spalt und schiebe den Herrn Doktor Vogel in die gemächlich vor sich hindümpelnde 467. Sitzung der Haushaltskommission. Ich sehe noch wie Prof. Kürfass, der Vorsitzende, ein ganz scharfer Hund, überrascht ob der Störung von seinen Papieren aufblickt. Dann schliesst sich die Türe mit schicksalhaftem Knall hinter Herrn Doktor Vogel.

Später, in meinem Büro, ruft mich ein Arzt aus der psychatrischen Universitätsklinik an. Ja, Also, sie haben da heute Nachmittag einen ungewöhnlichen Fall reinbekommen, meint er. Der Patient sei offensichtlich in einer manischen Phase und verlange zwischen seine Anfällen immer diese Nummer anzurufen. Ich versichere ihm, dass ich keinen manischen Bekannten habe, was nicht mal gelogen ist, und frage, ob sie so einen Irren doch hoffentlich nicht freilassen würden. "Ich meine, dann kommt er am Ende noch zu mir nach Hause", füge ich besorgt hinzu. Der freundliche Arzt beruhigt mich: "Unter drei Monaten kommt der sicher nicht aus der Beobachtung. So einen interessanten Fall hatten wir hier schon lange nicht mehr."


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Es ist heiss heute.

Es wird eben Sommer. Für die geplagten Angestellten der Uni bedeutet dies, dass die Tagestemperaturen in den Büros auf saunaverdächtige Werte ansteigen. Glänzende Aluminiumverkleidungen reflektieren unerbittlich die Sonnenglut, grosszügige Glasfassaden und Plattenbau erledigen den Rest. Gemessen an der Zahl der Flüche, die Studenten und Hochschulangestellte auf das Haupt des unseligen Architekten häufen, müsste der gute Mann eigentlich in der untersten Ebene schmoren.

Glücklicherweise bin ich infolge meiner zweiten Natur gegen grosse Hitze weitgehend gefeit; lästig wird es nur, wenn einem beim DooM- Spielen dauernd der Schweiss in die Augen läuft.

Zuuupf - jetzt ist mein PC schon zu dritten Mal abgeschmiert. Anscheinend bekommt ihm die Hitze auch nicht besonders.

Es ist richtig heiss heute.

Andererseits erleichtert die Hitze auch vieles. Ich mache meine Runde durch die Labors und breche bei einigen noch laufenden Workstations auf der Rückseite ein paar Sichtblenden heraus. Bei anderen rücke ich passende Kartons vor die Lüftungsschlitze oder drapiere herumliegende Kleidungsstücke so, dass sie direkt vor den würgenden Lüftern hängen. Durch die gestörte Konvektion erhitzen sich die Prozessoren und schmieren reihenweise ab.

Wieder im Büro rufe ich bei drei verschiedenen Hotlines an und heize den ohnehin schon schwitzenden Dispatchern noch mehr ein. Daher der Name 'Hotline'. Ich drohe mit Vertragskündigung und Regress, wenn sie nicht sofort einen Techniker schicken.

Dann schaue ich aufs Thermometer: 43 Grad, nicht schlecht, drei Grad mehr als gestern. Seitdem ich die Anweisungen des Hausmeisters, dass alle Fenster nachts geschlossen sein müssen, aufs Wort befolge, steigt die Temperatur seit Tagen kontinuierlich an. Die Anweisung stammt allerdings noch vom 13. Januar. Ich schnappe mir die Giesskanne von Frau Bezelmann und überschwemme noch einmal alle Pflanzen im Institut. Dabei verspritze ich grosszügig Wasser auf die Teppiche und Polstermöbel. Eine halbe Stunde später zeigt das Hygrometer 92 % relative Luftfeuchtigkeit. Perfekt!

Draussen, im Biergarten der Cafeteria, beginnen sich die ersten StudentInnen zu entblättern. Ich gehe hinüber ins Optik-Labor und 'leihe' mir eine Digitalkamera aus. In meinem Büro richte ich die Kamera auf die 'Blondinen-Bank'. Diese Bank, eine an sich unscheinbare Leichtmetallkonstruktion, etwa 20 Meter schräg unter unseren Institutsfenstern, muss durch irgendwelche uralten Geheimnisse der Inkas oder Ägypter genau die kosmische Position zur Sonne einnehmen, die braungebrannte, wasserstoffgebleichte Blondinen unwiderstehlich anzieht. Laut meiner bisherigen Statistik über die Benutzer dieser Bank sind die Ereignisse 'blond', 'weiblich' und 'braungebrannt' stark signifikant, wogegen das Ereignis 'weitgehend entblättert' immerhin noch signifikant auf dem 0.005 Level ist. Statistisch am unwahrscheinlichsten ist übrigens die Kombination 'männlich', 'bleichsüchtig', 'dunkel-fettige Haare' und 'schwarzer Skianzug'.

Was täten wir ohne die Statistik!

Ich verbinde die Kamera mit unserem WWW-Server, so dass alle fünf Sekunden ein aktualisiertes Bild der Blondinen-Bank in der Home- Page unseres Chefs erscheint. Das ist weitgehend risikolos, da der Chef es noch nie geschafft hat, seinen Net-Browser richtig zu konfigurieren. Um genau zu sein, liegt dies nicht am Chef allein, sondern an einem kleinen nützlichen Cron-Job, der alle zehn Sekunden die Konfigurationsdateien des Browsers im Home-Directory des Chefs wieder durcheinanderbringt.

Der erste Techniker taucht auf, um den kollabierenden Server B wieder aufzupäppeln. Als ich ihm die Türe zum Rechnerraum aufschliesse, wabbert uns eine feuchtwarme Welle abgestandener Luft entgegen. Es stinkt nach zu heiss gewordenem Gummi und Plastikteilen. Der Techniker stöhnt und schaut mich verzweifelt an. Ungerührt verweise ich auf das Thermometer an der Wand; es zeigt 44 Grad an. In den Spezifikationen des Servers steht, dass er bis 45 Grad im 'zulässigen Betriebsbereich' arbeitet.

Von Luftfeuchtigkeit steht nichts in den Spezifikationen.

Was der Techniker nicht weiss: Die Skala des Thermometers hat sich infolge des Zusammentreffens mehrerer merkwürdiger Zufälle vor ein paar Jahren einmal abgelöst und wurde von mir mit Superkleber wieder 'repariert'. Eigenartigerweise zeigt das Thermometer seitdem etwa 10 Grad zu wenig an.

Es ist heiss heute, richtig heiss.

Auf dem Weg zurück ins Büro werfe ich einen Blick ins Sekretariat. Frau Bezelmann ist gerade dabei, kiloweise Eiswürfel auf Untertassen im Raum zu verteilen. Als ich sie frage, ob das 'Holiday on Ice' werden solle, erläutert sie mir mit zusammengekniffenen Lippen, dass sie durch das schmelzende Eis die Raumtemperatur zu senken hoffe. "Nero mag keine solche Hitze", fügt sie hinzu und deutet auf den kahlen Raben, der geduckt auf seiner goldenen Stange hockt. "Er bekommt nur schlechte Laune davon." Ich erwidere vorsichtig den starren giftig-gelben Blick des schwarzen Unglücksboten und überlege, ob die notorisch schlechte Laune Neros denn überhaupt noch steigerungsfähig sei.

Dann erkläre ich Frau Bezelmann und Nero, der plötzlich den Kopf streckt und aufmerksam zuhört, dass das Schmelzen von Eiswürfeln aus dem Kühlschrank völlig sinnlos sei, weil die dabei gebundene Energie beim Erzeugen der Eiswürfel im Eisschrank in Form von Wärme sofort wieder frei werde. Frau Bezelmann betrachtet ungläubig den Eisschrank, der in seiner Ecke eifrig vor sich hin brummt. Aber sie muss zugeben, dass die Radiatoren auf der Rückseite Hitze abstrahlen.

"Ich habe die Lösung", sage ich. "Wir müssen nur dafür sorgen, dass die Abwärme des Kühlschranks nicht wieder zurück ins Sekretariat gelangt." Wir hängen die Zwischentüre zum Chefzimmer aus, die sonst immer abgeschlossen ist, weil Frau Bezelmann es nicht verträgt, wenn der Chef hinter ihrem Rücken ins Zimmer kommt, und rücken den Kühlschrank so in die offene Türe, dass er den unteren Teil ausfüllt und die Radiatoren zum Chef hineinragen. Auf den Eisschrank türmen wir alte Rechnerkartons und verstopfen die verbleibenden Ritzen mit Füllmaterial. Gerade als wir fertig sind, kommt der Chef zur anderen Türe herein und bleibt erstaunt stehen. "Äh...hm... was machen Sie denn da, Leisch?" fragt er und wischt sich den Schweiss mit einem weiss-blau karierten Taschentuch von der hohen Stirne. "Ich helfe mal eben Frau Bezelmann", antworte ich wahrheitsgemäss. "Ah, ja... hm", sagt der Chef und betrachtet die Kühlschrank-Karton- Füllmaterial-Konstruktion. "Und... äh... bei was ... äh... helfen Sie Frau Bezelmann?" Frau Bezelmann springt selbst in die Bresche: "Wir haben die kaputte Zwischentüre ausgewechselt, und Herr Leisch war so freundlich, mir dabei zu helfen, die Öffnung provisorisch zu verschliessen." Frau Bezelmann deutet auf die ausgehängte Türe, die wir vorerst mal an die Wand gelehnt haben. "Äh.. wieso... äh... ist die Türe denn kaputt gegangen? Sie schaut doch ganz normal aus...", meint der Chef und beäugt die Türe von allen Seiten. "Na, dann versuchen Sie mal, sie zu öffnen", sagt Frau Bezelmann mit zusammengekniffenen Lippen. "Sie öffnen? Aber... hm... das... das geht doch nicht...", erwidert der Chef erstaunt. "Sehen Sie!" sagt Frau Bezelmann in einem Tonfall, der jede Weiterführung der Diskussion unmöglich macht.

Es ist heiss heute, so richtig heiss.

Gerade als ich wieder vor meiner Bürotüre angelangt bin, kommt eine Blondine auf Inline-Skates den Gang entlang gefahren. Ich meine eine RICHTIGE Blondine, mit wallendem goldglänzendem Haar, klasse Figur und bauchfreiem Top. Dass es sich um eine RICHTIGE Blondine handelt, erkennt man sofort an den blutrot lackierten Fingernägeln und dem schwarzen Haaransatz.

Ich ducke mich in meine offene Bürotüre, um einer etwaigen Kollision vorsorglich aus dem Weg zu gehen, aber die Blondine fängt sich geschickt am Türpfosten ab und schenkt mir ein strahlendes Lächeln aus tief- nein, nicht -blauen, sondern tief-braunen Augen. "Sie sind Herr Leisch, nicht wahr?" Ich kann es nicht leugnen und frage, was ihr Begehr ist. "Ich bin auf der Suche nach einem Gehirn", sagt die Blondine unbekümmert und manövriert vorsichtig in mein Büro.

Ich werfe einen Blick auf das elektronische Thermometer an der Fensterscheibe; 48 Grad Raumtemperatur zeigt es an. Soviel ich weiss, treten Fata Morganen (ist das der korrekte Plural?) nur in wüstenartiger Umgebung auf. Ein Hitzekoller? Eine plötzliche Erleuchtung? Vorsichtshalber setze ich mich erst mal hin. "Sie suchen also ein Gehirn", sage ich dann behutsam. "Äh, darf ich fragen, wozu Sie das Gehirn benötigen. Für.. ich meine...äh... für Sie selber? Als Eigenbedarf sozusagen?" Die Blondine guckt mich verwundert an. "Natürlich für mich selber", sagt sie, "ich brauche es für ein Referat bei Prof. Murnau." Kollege Murnau ist unser Psycho-Spezialist. Was er an einem technischen Institut wie dem unseren zu suchen hat, wissen allein die Götter. Aber er hält fleissig Vorlesungen über alle möglichen Psycho- Themen: Psycho-Akustik, Psycho-Physik, Psycho-Dermatologie, usw., die sich alle grosser Beliebtheit als Nebenfächer erfreuen. "Und bis jetzt... haben Sie das... das... äh... noch nie... äh... vermisst? Ich meine..." Ein verwunderter Blick aus tief-braunen Augen. "Nein, wieso?!" Ja, wieso eigentlich, frage ich mich ebenfalls. "Ich habe bis jetzt noch nie ein Bild vom Gehirn gebraucht", erklärt die Blondine geduldig. "Ach so", sage ich erleichtert, "sozusagen als Anschauungsmaterial?" Die Blondine nickt. "Am besten eine Draufsicht", sagt sie, "ungefähr so gross wie eine Folie." Ich gebe ihr eine entsprechende Literaturangabe und sie rollt glücklich weiter in Richtung Bibliothek.

Ob sie die Inline-Skates zum Referat auszieht, denke ich noch zerstreut und fahre die Schutzschilde wieder hoch. Meine Workstation keucht und bläst heisse Luft auf meine Füsse; durch die Jalousienschlitze kann ich die Hitze im Biergarten flimmern sehen.

Es ist heiss heute. Hatte ich das schon bemerkt? Richtig heiss...

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