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Bastard Ass(i) from Hell #7 - #12

Nach oben Bastard Ass(i) from Hell #7

© Florian Schiel

Ich erledige die Post auf meine übliche Weise: Nach kurzem Durchblättern und nachdem ich sicher bin, dass wirklich kein Scheck dabei ist, lasse ich den ganzen Packen locker in den Reisswolf fallen. WIRKLICH wichtige Post kommt sowieso nach zwei Wochen noch einmal, mit dem roten Vermerk DRINGEND, oder so ähnlich. Wozu also sich selbst die Mühe machen herauszufinden, was wichtig ist? Es ist essentiell, sich immer nur auf das Wesentliche zu beschränken, sage ich immer zu meinen Studenten. Sic est!

In meiner Mailbox finde ich drei Beschwerden von Studenten, dass im PC-Labor ein Virus sein Unwesen treibe. Zur Abwechslung mal eine erfreuliche Nachricht aus dem PC-Labor! Seit Leonardo da Vinci hatten wir gar keinen Spass mehr gehabt.

Wahrscheinlich hat die schwarze Game-Diskette, die letzte Woche plötzlich auf meinem Schreibtisch lag, doch ein Viruslein drauf gehabt. Ab und zu schicken die Kollegen aus dem fünften H-Kreis mir solche Spielsachen zum Testen. Komisch nur, dass diesmal kein Kommentar dabei war.

Ich hatte die Diskette stante pede ins PC-Labor hinübergelegt. Eine todsichere Methode um herauszufinden, ob ein Virus drauf ist oder nicht. Besser als jeder Virenscanner. Irgendein Idiot findet sich immer, der das Ding in einen PC steckt...

Mein eigener Rechner ist, da er niemals unter DOS läuft (das überlasse ich dem Plebs) und ich prinzipiell keine Disketten verwende (was kann man schon in 1,4 MB speichern, frage ich?), relativ virensicher.

Trotzdem gehe ich runter, um mir den Spass anzuschauen. Zu meiner Überraschung verhält sich der Virus aber ganz anders, als die Studenten es mir beschrieben haben. Schon während des Virusscans verschwindet plötzlich mein Homedirectory mit allem, was darin war. Dann passiert erstmal gar nichts mehr.

Wie langweilig.

Ich frage den Studenten neben mir, ob er auch Schwierigkeiten habe. Er zieht die Stirne kraus und verneint. Aber gestern sei hier die Hölle los gewesen, meint er. An allen PCs seien blöde Meldungen auf dem Display erschienen.

Ich stehe auf und verkünde mit autoritärer Stimme: "Meine Herren. Mit dem Hacken ist für heute vorbei. Wir haben einen nicht identifizierten Virus in den Rechnern. Das PC-Labor wird bis auf weiteres geschlossen!" Allgemeines Aufstöhnen der acht blassen Studenten, die schon seit Wochen an ihren geliebten PCs hängen, statt zu studieren. Ich grinse sardonisch-genüsslich. "Beschweren Sie sich nicht bei mir, sondern bei Ihrem Kollegen, der den Virus eingeschleppt hat. Machen Sie das Beste daraus: Gehen Sie in den Englischen Garten und lachen Sie sich ein hübsches Mädchen an. Cyber-Sex mag ja sehr fortschrittlich sein, aber wir wollen doch die Wirklichkeit nicht ganz aus den Augen verlieren." Müdes Gegrinse und weiteres Stöhnen. Ich löse dem letzten Studenten mit sanfter Gewalt die verkrampften Finger von der Maus und schiebe ihn zur Türe hinaus. Dann verschliesse ich sorgfältig das PC-Labor und hänge ein Schild an die Tür: 'Wegen Virenbefall bis auf Weiteres geschlossen' Das dürfte die lästige Betreuungsarbeit fürs PC-Labor in den kommenden Monaten auf ein Minimum reduzieren.

Auf dem Weg zurück in mein Büro vernehme ich im Labortrakt ein gedämpftes Rumpeln. Ich lokalisiere die Schallquelle nach einigem Suchen in unserem Tonstudio, genauer gesagt, im schalltoten Raum dahinter, dessen mächtige Schallschutztüre geschlossen ist. Ich stülpe mir in der Regie die Kopfhörer über und schalte den Monitor an - ein schwerer Fehler. Denn sofort pustet mir ein schlecht gehaltener Kammerton mit 120 dB fast beide Ohren weg. Ich reisse mir fluchend die Kopfhörer runter. Kein Zweifel: Jemand übt im schalltoten Raum während der Mittagspause auf der Posaune. Ich dämpfe den Monitorkanal um 90 dB und lausche ein paar Sekunden den holprigen Tonleitern. Kann sich eigentlich nur um die Kollegin Marianne handeln. Wenn ich mich recht erinnere, war in ihrer persönlichen Mailbox in letzter Zeit ziemlich viel von Blasinstrumenten die Rede. Posaunen sind mir schon seit meiner Kindheit zuwider. Liegt vielleicht daran, dass gewisse Kollegen aus den obersten Etagen dauernd damit herumfuchteln.

Ich schiebe dem Ganzen einen Riegel vor - nicht den Posaunentönen selber, nur der Türe zum schalltoten Raum - und schalte als fürsorglicher Angestellter vor dem Verlassen des Studios den Hauptstrom ab. Hat nicht der Chef erst letzte Woche per Rundschreiben jeden ermahnt, dass die technischen Räume beim Verlassen immer sorgfältig abzuschliessen seien und dass vor allem darauf zu achten sei, dass der Strom abgeschaltet werde? Na, bitte! Ausserdem ist es im Studio wieder einmal viel zu kühl für meinen Geschmack; deshalb drehe ich noch rasch die Klimaanlage auf Anschlag.

Kurz nach der Kaffeepause horche ich noch einmal ins Studio hinein. Aus dem Kopfhörer dringen keine schrägen Posaunentöne mehr. Statt dessen sind jetzt an der Türe langsame Klopfsignale zu hören. Viervierteltakt, wenn mich nicht alles täuscht. Um den monotonen Rhythmus etwas aufzulockern, morse ich rasch 'Hallo, wie gehts?' gegen die Studiotüre. Die Reaktion ist prompt und eindeutig: "HEE! ICH BIN HIER EINGESPERRT! MACHT DIE VERDAMMTE TÜRE AUF!" Mariannes schrille Stimme dringt mühelos durch die 68 dB schallgedämmte Türe. Ich rechne kurz hoch, dass der Schalldruck im Inneren der Kabine bei ca. 115 dB liegen muss - ein durchaus rekordverdächtiger Wert. Wer hat gleich noch geschrieben, dass der Mensch nur in extremen Situationen zu Höchstleistungen fähig sei?

Ich schiebe den Riegel zurück und reisse die schwere Tür auf. Angenehm heisse Tropenluft schlägt mir aus der Dunkelheit entgegen. Marianne stolpert, rotglühend wie in der Sauna, nur mit Höschen und BH bekleidet aus dem dunklen, überheizten Loch und blinzelt mich mit irrem Blick an. "JEMAND HAT MICH HIER EINGESPERRT, DAS LICHT AUSGESCHALTET UND DIE HEIZUNG AUFGEDREHT!" "Tatsächlich", antworte ich sachlich und betrachte eingehend ihr Fast- Evas-Kostüm, bis sie womöglich noch um einige Nuancen röter im Gesicht wird. "Äh... darf man fragen, was Sie da drin eigentlich... äh...?" Inzwischen haben sich, angelockt durch das Geschrei, einige Zaungäste in der offenen Studiotüre eingefunden, die die Szene interessiert verfolgen. Frau Bezelmann ist wie immer an vorderster Front dabei. "Ich habe...",beginnt Marianne wütend, bricht dann aber abrupt ab und lässt ihren Blick über die zahlreichen Zuschauer streifen. Es wird ihr gerade klar, dass ihre gegenwärtige Erscheinung eine hausbackene Posaunenübungsstunde nicht sehr glaubwürdig klingen lässt. Wutschnaubend zieht sie sich wieder in das heisse dunkle Loch zurück, um ihre Kleidung zu suchen, während ich den schwachen Versuch unternehme, die exponentiell anschwellende Zuschauerschaft zu zerstreuen.


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Nach kurzem Heimaturlaub kehre ich erholt und voller Tatendrang an meinen Schreibtisch zurück. Als erstes öffne ich alle Fenster, damit sich der Schwefelgeruch aus meinen Kleidern besser verflüchtigt.

Kaum habe ich mich hingesetzt, läutet zur Begrüssung das Telefon. Es ist der Chef. Vorsichtig fragt er, ob ich an den Abschlussbericht zum HARPO Projekt gedacht habe. Er sei leider heute fällig. "Selbstverständlich" antworte ich, "ich bringe ihn gleich vorbei."

Ich rufe mein hübsches kleines Programm gen_rep auf, und eine Maske erscheint am Bildschirm. Ich trage Titel, Sprache, ungefähres Fachgebiet, Anzahl der Seiten und vor allem die Dateien aller bereits für dieses Projekt geschriebenen Berichte (natürlich auch die der anderen Projektpartner!) in die Maske ein, klicke noch den Button 'Final Report' und starte den Generator. Nach nur 30 Sekunden kommt der Abschlussbericht fix und fertig aus dem Laserdrucker. Natürlich enthält er nur zusammenhangloses Blabla, aber das tun die handgeschriebenen Berichte unserer Partner auch, und ausserdem habe ich noch nie erlebt, dass so ein Bericht wirklich von jemandem gelesen wurde. Also, was solls? Irgendwann muss ich das Programm mal patentieren lassen...

Ich bringe den Bericht gleich ins Sekretariat und gebe ihn der BSFH. Sie überfliegt die erste Seite und zieht die Mundwinkel anerkennend nach unten. Sie sagt nichts, aber Nero krächzt beifällig, als ich das Sekretariat verlasse. Naja, ich habe auch nicht behauptet, dass INTELLIGENTE Leute darauf hereinfallen.

Nach dieser morgendlichen Anstrengung fahre ich die Schutzschilde hoch und entspanne ich mich bei einer halben Stunde DooM, bis jemand es wagt, trotz des Schutzschilds an meine Tür zu klopfen. Ich wechsle in das 'Working Window', grabsche mir eine handvoll Messstrippen und rufe 'Herein!".

Yogi Flop steht in der Tür. Ich lasse die Messstrippen wieder fallen.

Yogi Flop heisst eigentlich Gustav Vorderbauer und stammt aus dem tiefsten Chiemgau. Ursprünglich sollte er bei uns eine Arbeit über die Auswirkungen des Tunneleffekts bei sehr kurzen Adressleitungen in Speicherchips erstellen. Bei seiner intensiven Beschäftigung mit der Quantenmechanik muss er dann irgendwie in die Techno-Esoterik abgeglitten sein - vielleicht standen auch in der Bibliothek nur ein paar Bücher an der falschen Stelle. Wie dem auch sei. Jedenfalls war er plötzlich überzeugt, das alte Problem des Dualismus von Welle und Teilchen gelöst zu haben. Dass ein Photon bei einem Doppelspaltversuch scheinbar zufallsverteilt mal durch den rechten, mal durch den linken Spalt wandere, sei nur eine Illusion, verkündete er. In Wirklichkeit würde das Photon von den geistigen Kräften des Beobachters beeinflusst. Weil das aber keiner wisse, unsere geistigen Kräfte also völlig ungesteuert und richtungslos seien, verhalte sich das Photon eben scheinbar zufallsverteilt.

Gustav verbrachte Wochen im Labor vor der Wilsonschen Nebelkammer und konzentrierte sich auf die einströmenden Elementarteilchen. Er wollte sie dazu bewegen, nur noch in einer Richtung zu fliegen. Natürlich lehnten es die ungebildeten Elementarteilchen ab, sich in irgendeiner Weise beeinflussen zu lassen - obwohl Gustav nebenher intensiv Yoga und autogenes Training studierte, um ihnen mit seinen geistigen Kräften auf die Sprünge zu helfen. Es war der reinste Megaflop, also gaben wir ihm schliesslich den Spitznamen Yogi Flop.

Der arme Kerl hatte eben keine Ahnung, dass die ganze Sch.... mit der Quantenmechanik nichts anderes ist als ein perfider übler Scherz aus der obersten Etage.

"Wissen Sie, was ich gestern entdeckt habe?" platzt Yogi Flop heraus und rückt mir dichter auf den Pelz, als meine kritische Distanz es erlaubt. "Nein, aber ich bin sicher, dass ich es gleich wissen werde", sage ich überzeugt. "Im fünften Geheimbuch der Kabbala steht, dass manche Meister es vermochten, mittels bestimmter Körperbewegungen die Materie selbst zu beeinflussen!" Ich nicke beruhigend und weiche etwas weiter ins Zimmer zurück, um seiner feuchten Aussprache mehr Raum zu geben. "Sicher", sage ich und gebe dem Drehstuhl einen Schubs, "so zum Beispiel." Ohne meinen Einwurf zu beachten, fährt Yogi Flop begeistert fort: "Stellen Sie sich das nur vor: Anstatt zu programmieren werden wir in Zukunft die Programme nur noch denken und sie materialisieren in Form von Bits und Bytes in den Speicherchips!" Ich seufze. "Vielleicht geben Sie mir mal eine kurze Demonstration, damit ich es besser verstehe...", sage ich. Yogi Flop schaut mich unsicher an, dann blickt er sich suchend in meinem Büro um. "Na, gut. Versuchen kann ich es ja mal. Ich versuche, den Briefbeschwerer zu bewegen, ok?" Ich nicke zustimmend und weiche noch weiter zurück; diesmal damit er mir bei seinem wilden Schattenboxen nicht aus Versehen ins Gesicht langt. Yogi Flop stellt sich in Positur und beginnt, konzentriert den Briefbeschwerer zu umtanzen. Der Briefbeschwerer bleibt davon völlig unbeeindruckt und rührt sich keinen Millimeter. Schweissperlen bilden sich auf Yogi Flops Stirne. Irgendwie kommt mir sein Gehampel aber bekannt vor. Woher kenne ich das bloss? "Halt", sage ich, einer plötzlichen Eingebung folgend. Yogi Flop verharrt unsicher wackelnd auf einem Bein und schaut mich über die Schulter fragend an. "Die letzte Geste war falsch", sage ich. "Den linken Arm höher über den Kopf und das Bein noch nicht abstellen ... ja, genau. Jetzt weiter wie bisher. Machen Sie den letzten Zyklus nochmal." Yogi Flop gehorcht anstandslos. Nach der letzten Figur gibt es plötzlich ein lautes saugendes Geräusch, wie wenn man eine Packung Vakuumkaffee öffnet, und Yogi Flop verschwindet in einem grellen Lichtblitz. Nur ein kleines weisses Wölkchen verflüchtigt sich langsam in der ruhigen Luft meines Büros.

Ich lächele anerkennend. Der alte babylonische Zugangskode zum siebten H-Kreis.

'Gleichwie die Frösche, um zu quaken, kehren Die Mäuler aus dem Wasser, was geschieht, Wenn schon die Bäurin träumt von reifen Ähren,

So staken blau bis wo die Scham man sieht, Die schmerzenreichen Schatten in dem Eise; Die Zähne klapperten das Storchenlied.'

Vielleicht habe ich Yogi Flop doch unterschätzt. Ob es ihm da unten allerdings gefallen wird, ist eine ganz andere Frage.

<snip!>

Wir unterbrechen hier die aktuelle Berichterstattung wie jeden Mittwoch Nachmittag für unser allseits beliebtes B.A.f.H. RATESPIEL. (Fanfare) Wie Sie alle wissen, geht es darum, die Herkunft eines Zitats zu erraten. Jawohl, des Zitats dort oben, ganz genau! Unsere heutige Frage lautet also : Wer hat diesen Unsinn wo gesagt/geschrieben/in die Brandung gebrüllt/in Fels gehauen/auf Papyrus gepinselt/in Schnüre geknüpft/etc.?

WENN Sie die richtige Antwort zu wissen meinen, schreiben Sie unverzüglich eine email mit der richtigen Antwort an folgende Adresse: satan@trash.circle10.hell.

Unter den ersten 10.000 richtigen Antworten (Eile ist also geboten!) werden 12 alte Ölkannen (gefüllt) verlost. (Fanfare) Ausserdem erhalten die ersten 200 Einsender die einmalige Chance, von einem unserer reizenden Telefoninquisitoren/innen mit neuen aktuellen Angeboten aus den Bereichen Versicherungswesen, Börsenspekulation, Immobilien, Anlageobjekte und Fusspflege belästigt zu werden. Vergessen Sie also keinesfalls, Ihre Telefonnummer anzugeben. Wir wünschen ihnen (ab hier im höllischen Chor) VIEL PECH!

<snip!>


Nach oben Bastard Ass(i) from Hell #9

Wenn ich morgens ins Büro komme, knallt schon die Sonne durch die Ostfenster und sorgt für eine angenehme Raumtemperatur von 40 Grad. Draussen zwitschern die Vöglein, die ersten Studentinnen mit Miniröcken tauchen auf und die Angestellten der Cafete stellen die Biertische und -bänke auf den Hof unter meinem Fenster. Es ist nicht zu übersehen: es wird Frühling. Alles strotzt vor Tatendrang und frischem Mut - mich natürlich eingeschlossen.

Ich verbringe einen ruhigen Vormittag damit, die Klistierspritzen wieder an meinem Fensterbrett zu befestigen, mit denen ich auf Knopfdruck kleine Salven Yoghurt auf die Studenten an den Biertischen verschiessen kann. Der Effekt ist jedesmal wieder erheiternd - vor allem wenn gerade Möven oder sonstiges Federvieh über dem Biergarten kreisen.

Dann leie ich mir aus unserer Werkstatt den Akkuschrauber und löse bei allen Bänken die Halteschrauben der Füsse. Nichts lockert einen heissen, langweiligen Sommernachmittag mehr auf, als eine unter der Last von 6 StudentInnen zusammenbrechende Bank.

Wohl ausgerüstet für den Sommer mache ich wieder an meine eigentliche Arbeit. Die EPROMs unserer Telefonanlage waren nicht leicht zu knacken, aber Beharrlichkeit führt bekanntlich zum Ziel. Gerade rechtzeitig für einen Test kommt der Chef ins Büro. "Herr Leisch...äh, wir haben ganz vergessen: wir müssen ...äh...unbedingt heute noch ..." Ich drücke unauffällig auf den Fussschalter unter meinem Schreibtisch, den ich gestern in meiner Sparkasse habe mitgehen lassen. (Das wird übrigens auch so ein Gag, wenn die beim nächsten Banküberfall ins Leere treten!) Augenblicklich läutet das Telefon. Mit einem entschuldigenden Lächeln hebe ich ab. Natürlich ist niemand dran, aber ich führe mit der geduldig schweigenden Telefonanlage eine längere und schwierige Diskussion über irgendein technisches Thema, das der Chef sowieso nicht versteht. Der Chef wartet geduldig, bis ich fertig bin; dann nimmt er den Faden wieder auf: "Äh... also wie gesagt, auf dem Weg hierher ist mir eingefallen...äh, wir müssen..." Das Telefon läutet wieder. Diesmal ist es sogar jemand aus USA, der dringend meine Hilfe braucht. Der Chef kann nicht erwarten, dass ich ein wichtiges Ferngespräch einfach so abwürge. Also wartet er wieder - allerdings nicht mehr ganz so geduldig - bis ich nach 5 Minuten wieder auflege. "Errr... wo war ich gleich? Ach ja...hrrrm... wir haben ganz vergessen, dass wir noch heute..." Das Telefon läutet. Neuseeland ist dran, mit ganz wichtigen Informationen für uns. Nachdem auch noch Paris, Washington DC und der CIA angerufen haben, gibt es der Chef auf und geht mit seiner Aufgabe ein Büro weiter zum Kollegen O.

Ich aktiviere übers Netz das Mikrophon an Os Workstation, stülpe den Kopfhörer über und höre mir an, was der Chef eigentlich Unangenehmes von mir wollte. "Äh... gut, dass ich Sie antreffe, Herr O. Eigentlich hatte ich ja Leisch versprochen ...äh, aber ich fürchte, er wird sowieso viel zuviel zu tun haben, um die Sache in ... err...Anspruch nehmen zu können. Es handelt sich um ...äh, den Dingsda-Workshop in Sydney, an dem ich eigentlich selbst teilnehmen wollte. Leider habe ich jetzt einen dringenden anderen Termin, den ich wahrnehmen muss, und ... äh....da habe ich gedacht..."

Sydney! Mein Wunschtraum! Ich muss sofort etwas unternehmen! Mit fliegenden Händen pipe ich den Kernel von Os Workstation mit voller Lautstärke auf seine Soundkarte. Glücklicherweise hat O kräftige Aktiv-Boxen an seiner Maschine angeschlossen. Der Lärm erreicht sogar hier in meinem Büro noch locker die Schmerzgrenze. Ich höre, wie ein Basslautsprecher sich heulend verabschiedet. Macht nix. Hauptsache, das Gespräch wurde unterbrochen.

Ich mische mich in den Tumult vor Os Bürotür und lotse den Chef unauffällig wieder in mein Büro. Nachdem ich das Gespräch wie zufällig auf Australien gebracht habe und mein Telefon nun beharrlich schweigt - ich habe zur Sicherheit den Stecker aus der Wand gerupft - werden wir uns rasch einig, dass ich der einzige geeignete Mann für diesen Workshop bin. Beide Parteien trennen sich in höchster Befriedigung.

Kaum ist der Chef gegangen, rufe ich mein Spezialreisebüro an und lasse den für mich gebuchten Linienflug nach Sydney gegen ein Pauschal-Arangement mit 1 Woche Luxushotel am Barrier-Riff austauschen. Selbstverständlich wird dies auf der offiziellen Rechnung nicht erwähnt - ich will ja der RKFH keine Gewissenskonflikte bereiten. Nach dieser Transaktion bleibt sogar noch eine beträchtliche Summe übrig, die wir brüderlich zwischen mir und dem Reisebüro aufteilen. Die zusätzliche Woche in Australien begründe ich mit wichtigen Laborbesuchen an verschiedenen Universitäten der Ostküste.

"Man muss die Dinge nicht nehmen wie sie sind", hat unser Bastard Ausbilder immer betont, "sondern wie sein sollten."


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Zu den weniger angenehmen Pflichten, denen sich auch ein BAFH nicht ganz entziehen kann, gehört die Korrektur von Diplomarbeiten. Gegenwärtig liegen drei dieser Dinger in verschieden ausgeprägten Stadien des natürlichen Zerfalls auf meinem überlasteten Schreibtisch. Ich nehme die unterste zur Hand und blase die Staubschicht weg, so dass ich den Titel lesen kann. 'Entwicklung eines Algorithmus zur phasensynchronisierten Re- Routing-Function innerhalb des dritten Layers des Iso-Schichten- Modells' Ich verspüre einen vertrauten, leichten schmerzhaften Druck in der Stirn, genauer gesagt, in den kleinen Höckern etwas oberhalb der Schläfen. Warum kann ich nicht Diplomarbeiten mit wirklich WICHTIGEN und WISSENSCHAFTLICH INTERESSANTEN Themen betreuen? Zum Beispiel: 'Verführung mit Hilfe eines Data Gloves' oder 'Die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Kreditkartenlesern'.

Ich quäle mich durch die Zusammenfassung, die - der Hölle sei Dank! - von der Prüfungsordnung vorgeschrieben und auf eine Seite beschränkt ist. Dann verteile ich quer Beet im ganzen Schinken etwa 100 unleserliche rote Schnörkel und grabe mich durch die Zusammenfassung am Ende. Nach dieser schier unmenschlichen Leistung schlage ich die Horoskopseite der Abendzeitung auf und übertrage das Tageshoroskop des Studenten als abschliessende Beurteilung in roter Farbe auf die letzte Seite. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass die die Beurteilungen von Lehrern und Dozenten immer so unleserlich sind? Das liegt nicht etwa daran, dass diese so viel zu tun haben und deshalb schnell schreiben müssen. Nein, vielmehr soll der nichtssagende Kommentar durch die Unleserlichkeit in den mystischen Rahmen eines Orakelspruchs erhoben und damit so unfehlbar werden wie der Papst, wenn er vor der Kongregation unverständlich ins Mikrophon mümmelt.

Ich hole meinen schwarzen Würfel aus der Schublade und werfe eine 4. Na, gut, denke ich, geben wir ihm noch einen Bonus dafür, dass die Arbeit unter 100 Seiten hat. Ich male sorgfältig eine grosse rote 3 auf die erste Seite und lege den Schinken seufzend zur Seite. Für die anderen beiden habe ich jetzt natürlich keine Energie mehr. Also beschränke ich mich auf das Abschreiben des Horoskops und den Würfel. Der letzte bekommt noch einen Malus, weil er einen angeberischen, roten Einband für sein Manuskript gewählt hat.

Apropos Einband: ich bemerke, dass ich keine Büroklammern mehr habe, mit denen ich immer die Schlösser der Büros im ersten Stock verstopfe, wenn ich zur Cafete hinuntergehe. Also gehe ich ins Sekretariat und, da es wie üblich leer steht, bediene ich mich selber aus dem Büromaterialschrank der Sekretärinnen. Plötzlich krächzt es einmal leise aber deutlich hinter meinem Rücken und wie aus dem Nichts erscheint die neue Sekretärin. Sie wirft mir einen vernichtenden Blick zu und schliesst, ohne ein Wort zu sagen, betont langsam den Materialschrank vor meiner Nase ab. Der Rabe in seinem messingfarbenem Käfig betrachtet mich hämisch, mit halb geöffneten Schnabel.

Ich überlege einen Moment. Dann erkläre ich Frau Bezelmann und ihrem Raben, der interessiert den Kopf auf die Seite legt, was man mit einfachen Büroklammern alles machen kann. Die BSFH schaut mich einen Moment lang stumm an, dann verziehen sich ihre Mundwinkel noch eine Idee weiter nach unten und sie sperrt den Schrank wieder auf.

Als ich mit den Taschen voller Büroklammern zu meinem Büro zurückkomme, werde ich bereits sehnlichst erwartet. Ein Diplomand tritt vor meiner Türe aufgeregt von einem Fuss auf den anderen. Das umfangreiche Paket unter seinem Arm lässt mich Böses ahnen. "Oh. Herr Leisch. Ich komme, um Ihnen meine Diplomarbeit zur Korrektur abzugeben", sprudelt es aufgeregt aus ihm heraus, noch bevor ich meine Tür aufsperren kann. "Sind Sie sicher, dass Sie sie jetzt schon abgeben wollen?" seufze ich. "Wollen Sie sich 's nicht nochmal anschauen?" Der Student schüttelt heftig den Kopf. Einer von der selbstsicheren Sorte also. Einer, der vielleicht schon seine Karriere bis zur Vorstandsetage geplant hat. Hah! "Ich bin mir ganz sicher, dass ich nichts mehr verbessern kann." Sein Tonfall lässt keinen Zweifel, dass er es auch sonst keinem Menschen zutraut. Dass also mit der besten Note für sein epochemachendes Werk zu rechnen sei. Dass die Fachwelt aufhorchen wird, etc. pp.

Ich nehme ihm den dicken Packen Papier aus den zitternden Händen und sage freundlich: "Dann kommen Sie doch erst mal herein und nehmen Sie Platz." Er folgt mir aufgeregt plappernd in mein Allerheiligstes. Während er sich hinsetzt, gelingt es mir unbemerkt, das umfangreiche Manuskript gegen einen ähnlich grossen Packen Kopierpapier auszutauschen. "Na, dann wollen wir mal sehen", sage ich und lasse mich in meinen Sessel fallen. Ich öffne die Mappe und schaue scheinbar verblüfft auf die leeren Seiten. Ich blättere kurz durch den Stapel und meine lächelnd: "Haben Sie sich etwa den Nihilismus verschrieben, mein Bester? Oder glauben Sie, dass mich diese weissen Seiten dazu inspirieren sollen, Ihre tiefgründigen Gedanken per Telepathie zu erraten?" "W-w-w-was?" blubbert er fassungslos. Ich reiche ihm den Packen Kopierpapier herüber und er beginnt mit flatternden Händen die Papiere auf der Suche nach der Schrift durchzublättern. "Aber... aber das verstehe ich nicht! Ich bin mir ganz sicher, dass ich... ich meine... das kann doch nicht sein..." "Für alles gibt es eine wissenschaftliche Erklärung", sage ich streng und lege konzentriert die Fingerspitzen aufeinander. "Sie haben das Manuskript erst heute ausgedruckt?" "Gestern", sagt er und schluckt mühsam. "160 Seiten, auf meinem Laserdrucker..." "Aha, gestern sagen Sie? Ja, hören Sie denn kein Radio, mein Bester? Sagen Sie bloss, Sie haben nichts von den verlagerten Nordlichtern gehört, die letzte Nacht in Mitteleuropa gesichtet worden sind?" "Äh..." "Aber dass starke ionisierende Strahlung Pigmente zersetzen kann, wissen Sie ja wohl noch aus Ihren physikalischen Praktikum, nicht?" "Äh, ja..." "So wie eine Zeitung in der Sonne innerhalb kürzester Zeit ausbleicht, nicht wahr? Nur dass letzte Nacht die ionisierte Korpuskelstrahlung der Sonne mindesten 6 Grössenordnungen stärker war als normales Sonnenlicht. Sicher ist es Ihnen nicht aufgefallen, weil Sie so mit Ihrer Arbeit beschäftigt waren, aber heute morgen sind keine Zeitungen ausgeliefert worden, weil sich die Druckerschwärze bei so starker Strahlung nur wenige Stunden halten würde. Das Verschwinden Ihres Textes ist also leicht erklärbar." "Ah, ja", sagt er erleichtert. Wenn er wüsste, dass er soeben um zwei Notenstufen abgesackt ist! "Aber was viel schlimmer ist", fahre ich fort, "die Korpuskelstrahlung wirkt sich auch negativ auf magnetisch stationäre Felder aus. Daher auch die Empfehlungen der Astrophysiker gestern, alle PCs mit absorbierenden Stahlplatten zu belegen. Ich hoffe sehr, Sie haben das beherzigt." Ich beobachte, wie diese Information langsam in seinen vorderen Kortex einsickert. Schlagartig weicht alle Farbe aus seinem Gesicht. "Sie meinen doch nicht..." flüstert er mit schwacher Stimme. Plötzlich springt er auf und verlässt Hals über Kopf mein Büro. Ich atme befreit auf. Wer hat gesagt, morgen ist auch noch ein Tag? Ich mache für heute Schluss und hänge meinen Schutzschild raus. Auf dem Weg nach draussen lasse ich das Manuskript unauffällig in den Reisswolf fallen. Leider, denke ich melancholisch, leider nur mit aufschiebender Wirkung.


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Ich habe mich kaum in meinem BAFH-Sessel mit integriertem Feuerlöscher (warum ich einen integrierten Feuerlöscher in meinem Sessel brauche, überlasse ich der Fantasie des geschätzten Lesers! Vorschläge bitte per email an -4-G1WGLMIP15}}:@nohost.no-country schicken!) niedergelassen, als auch schon die BSFH neben mir aus dem Nichts materialisiert. Ihre Brillengläser blitzen angriffslustig. Im Allgemeinen ist in diesem Falle irgendetwas besonders Gemeines im Gange.

Sie reicht mir die SZ von heute. Aufgeschlagen ist die Seite, wo die übliche Auswahl literarisch unbeholfener Ergüsse überengagierter Leser abgedruckt ist. Frau Bezelmann deutet mit ihrem nadelspitz zugefeilten Zeigefingernagel diskret auf einen der längeren Leserbriefe. "PARANOIDER ASSISTENT TERRORISIERT STUDENTEN" lese ich in mittelfetten Buchstaben. Darunter folgt eine wutschäumende, reichlich tendenziöse Schilderung tatsächlicher oder erfundener kürzlicher Begebnisse 'an einem der wissenschaftlichen Institute der Universität'. Wie überaus diskret, denke ich missmutig und überspringe ein paar Zeilen. Ah! Weiter unten war der Redakteur nicht so zurückhaltend (oder er hat es übersehen - was wahrscheinlicher ist!): da steht tatsächlich meine Telefonnummer abgedruckt! Zufrieden lächelnd reiche ich die Zeitung an die BSFH zurück. "Ausgezeichnet! Gute Arbeit. Sehr lebendig und provozierend geschrieben. Bereiten Sie bitte die üblichen Papiere vor." Frau Bezelmann zieht geschmeichelt die Mundwinkel nach unten; ihre Brillengläser blitzen womöglich noch 1000 Lux stärker als sonst. "50 %", sagt sie. "30", erwidere ich kategorisch, "vergessen Sie nicht: die Idee war von mir!" Auf ihrer Stirne bildet sich die übliche senkrechte Zornsfalte. "Aber die ganze Papierarbeit bleibt an mir hängen...", protestiert sie mit eisiger Stimme. "...die Sie auf einem superteuren Macintosh erledigen, den ich für Sie illegal aus dem SPROUT-Projekt abgezweigt habe", kontere ich. "35%. Mehr ist nicht drin. Sonst schreibe ich die Artikel in Zukunft selber." Murrend lenkt die BSFH ein. "Übrigens", sage ich, als sie schon halb zur Türe hinaus ist, "Sie haben Talent. Warum schreiben Sie nicht öfters?"

Dann warte ich in aller Ruhe. Wie immer dauert es nicht lange. Das Telefon klingelt. "Hallo?", melde ich mich freundlich. "SIND SIE DER ASSISTENT?!" kommt es mit 100 dB durch die Leitung. "Aber sicher doch", sage ich in möglichst arrogantem Tonfall und schalte den Cassettenrekorder ein. Die folgenden 5 Minuten ergiesst sich ein Schwall von Beleidigungen, anatomisch interessanten, aber nicht jugendfreien Bezeichnungen von diversen Körperteilen von mir, zoologische Vergleichsstudien und weitere Formen der verbalen Beschimpfung aus dem Telefonhörer und ins Mikrophon des Rekorders. Ich notiere inzwischen in aller Ruhe die Telefonnummer des Anrufers von Display meines Komfort-ISDN-Telefons. Hat sich doch gelohnt, den Chef zu überzeugen, dass wir modernste Technik einfach BRAUCHEN. Wofür, ist ein ganz anderes Thema...

Während mein erregter Anrufer nach weiteren Verbalfäkalien ringt, suche ich auf der Telefon-CDROM seinen Namen und Adresse heraus und notiere sie mir. Irgendwann geht ihm dann doch der Stoff (oder die Luft) aus und ich sage freundlich: "Vielen Dank, Herr... äh... Dr. Kreutelmaier, wohnhaft in Strasslach, Fliederweg 17. Vielen Dank für diese bemerkenswerten Äusserungen." Er schnappt hörbar nach Luft. Bevor er wieder von vorne beginnen kann, fahre ich rasch fort: "Wie eingangs bereits erwähnt, war ich so frei, unser kleines anregendes Gespräch auf Band aufzuzeichnen. Mein Rechtsanwalt wird sich freudig des Materials annehmen und entsprechende Schritte unternehmen." 2,3 Sekunden Stille. Ich schalte den Rekorder ab. "Aber... aber ich... Sie haben doch gar nichts gesagt", stammelt Dr. Kretelmaier mit deutlich reduzierter Emphase. "Tja, nun", antworte ich mit sorgenvoller Stimme. "Wer kann das heutzutage noch mit Sicherheit feststellen?" und lege auf. Ich kopiere rasch die entsprechende Passage vor die Aufnahme, in der ich den Anrufer höflich aber bestimmt darauf hinweise, dass dieses Gespräch aufgezeichnet wird, und lege Cassette und Personalien zur weiteren Bearbeitung durch Frau Bezelmann bereit. Gewöhnlich zahlen die Leute bereitwillig, noch bevor mein Anwalt überhaupt Klage einreicht. Hunde, die am lautesten bellen, sind oft am leichtesten zu verschrecken.

Die Ausbeute ist heute recht erfreulich: Bis zum Mittagessen habe ich 5 Anrufer im Kasten. Ein sechster hat leider keinen Eintrag im Telefonbuch, aber mit einer gewissen Ausfallrate muss man in jeder Branche rechnen. "Wissen Sie eigentlich, dass Sie keinen Eintrag im Telefonbuch haben?" unterbreche ich seine methodisch ausgearbeiteten Schimpftiraden. Er schweigt verblüfft. "Äh... ja, aber..." "Ich schlage vor, dass Sie sich den Rest sparen. Es wiederholt sich sowieso von Anruf zu Anruf und es langweilt mich. Wenn Sie meinen Rat befolgen, gewinnen Sie jetzt 5 Extraminuten, die nicht für Sie eingeplant waren. Die nutzen Sie am besten, indem Sie jetzt sofort bei der Telekom anrufen und veranlassen, dass Ihr Name ordentlich im Telefonbuch erscheint!" "..." "Wo kommen wir denn dahin, wenn das alle täten? Wo bleibt der gläserne Bürger, an dem wir alle so angestrengt arbeiten? Früher hätte es sowas nicht gegeben. Hah! Da waren alle ordentlich registriert und im Telefonbuch!" "..." "Nehmen Sie sich ein Beispiel an mir: ich bin schon seit meinem dritten Lebensjahr, als ich mein erstes Modem zu Weihnachten bekommen habe, ordentlich als Telefonteilnehmer registriert! Guten Tag!"

Ich knalle den Telefonhörer auf die Gabel. Keine dreieinhalb Sekunden später läutet es wieder. Ich bin die Sache leid. Ausserdem fallen soviele Klagen wegen Beleidigung an einem Tag selbst dem dümmsten bayerischen Amtsrichter auf. Also spule ich das letzte Band zurück und speise mal zur Abwechslung die letzte Aufnahme in den Telefonhörer zurück. Der Anrufer, genauer gesagt die Anruferin denkt tatsächlich, dass ich da vor mich hin schäume, und wirft sich mit Feuereifer ins Gefecht. Eine Weile höre ich zu, aber als dann der Cassettenrekorder sich durchzusetzen scheint, beginnt mich die Sache zu langweilen. Ich unterbreche das Gespräch und leite meinen Telefonanschluss auf die Beschwerdeannahme der RKFH um.

Endlich ist es still.

Naja, fast still. Im Büro nebenan hört Kollege O. mal wieder diese grässlichen Goldbergvariationen. Das Geklimper dringt nur leicht gedämpft durch die Pappwände. Wenn er wenigstens Glen Gould hören würde (die späte Fassung natürlich!), aber S. Richter? Ich gehe nach vorne zum Sicherungskasten und lasse den Automaten von O.s Zimmer 'rausschnappen. Dann schliesse ich den Sicherungskasten ab und lege den kleinen Schlüssel oben drauf. O. ist nur 1,65 hoch; er wird eine Weile brauchen, bis er den Schlüssel oder den Hausmeister findet.

Auf Umwegen gehe ich zurück zu seinem verwaisten Büro und krieche unter den Schreibtisch. Genau wie ich's mir vorgestellt habe: ein wirres Durcheinander von Netzkabeln, Verteilerdosen und Staubmäusen. Ich suche mir die am schlechtesten erreichbare Verteilerdose heraus und stecke einen Kurzschlussbügel aus dem Labor in eine der Schukodosen. Das wird hoffentlich eine Weile vorhalten.

Um ganz sicher zu gehen, springe ich mit der CD schnell hinüber in die Teeküche und schiebe sie kurz bei voller Power in die Microwelle. Es funkt und britzelt etwas in der Röhre, aber die Microwelle hält das locker aus; weiss ich doch aus Erfahrung.

Zurück im Büro fahre ich die Schutzschilde hoch und entspanne mich in der Hängematte.

Endlich Ruhe.

Der hektische Alltag wird mich noch ins Grab bringen!


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Ich brüte gerade mal wieder über meinem modifizierten sendmail Programm. Eigentlich soll es eintreffende emails nach bestimmten Schlüsselwörtern scannen, und wenn es welche findet, die mails an zufällig ausgewählte User weiterleiten. Was aber immer noch nicht hinhaut, ist der Zufallsgenerator. Die Liste der Schlüsselwörter ist dagegen schon lange fertig. Unter vielen anderen enthält sie die Wörter 'Liebe', 'Sex' (natürlich!), 'Domina', 'S&M', 'Leder', 'grüne Männchen', 'Kohl' und 'Broccoli'. Letzteres geht auf die Anregung eines amerikanischen Kollegen zurück: Er behauptet, dass mails, in denen die Wörter 'Kohl' und 'Broccoli' vorkommen, signifikant dämlicher sind als andere, in denen das Wort nicht vorkommt. Mal sehen... Nebenbei entfernt mein sendmail Programm auch noch alle Kommata, die vor 'dass' stehen, korrigiert 'nämlich' in 'nähmlich' (früher hatte ich da stehen 'dämlich', aber das war zu direkt!) und vertauscht paarweise die Return-Adressen.

Während ich noch mit dem Compiler ringe, höre ich, wie sich auf dem Gang lautes Keuchen und schleppende Schritte nähern. Bevor ich noch die Schutzschilde hochfahren kann, ist es auch schon zu spät: Kollege Rinzling steht... äh... hängt in meiner Tür. Resigniert starte ich das Aufnahme-Programm in meiner Workstation und drehe mich um. Manche Gottesprüfungen muss man einfach über sich ergehen lassen; da hilft gar nichts.

Kollege Rinzling bedenkt mich mit einem langen tieftraurigen Blick, der irgendwie gar nicht zu seinem frischen, rosigen Gesicht passen will, und schiebt seinen wohlgenährten untersetzten Corpus vollends in mein Büro. Erschöpft keuchend lehnt er sich an mein IKEA-Regal, das bedrohlich schwankt. Ich sage nichts, um das Stimmen der Instrumente nicht durcheinanderzubringen. Sonst fängt er am Ende noch mal vorne an.

"Ach, Leisch... Leisch", eröffnet er mit zitternder Stimme die

Overture: 'Vanitas vanitatum et omnia vanitas' (moderato ma non piano)

"Sie können sich gar nicht vorstellen, was ich letzte Nacht wieder durchgemacht habe. Wirklich, lange kann ich das nicht mehr ertragen, wissen Sie. Es ist einfach zuviel, zuviel für mich. Was für ein Leben ist das, frage ich Sie.

Kollege Rinzling lässt den letzten Ton dramatisch ein paar Takte ausschweben und schaut mich erwartungsvoll an. Wir warten beide ein, zwei Sekunden, bis der freundliche Applaus abschwillt. Dann gebe ich den Einsatz: "Was fehlt Ihnen denn heute?" zum

1. Satz: 'Auf morschen Säulen wankt die Welt!'
(adagio non troppo)

"Ach! Sie können sich das gar nicht vorstellen, Leisch, aber sobald ich mich hinlege, schwellen meine Fussgelenke dermassen an, dass ich mich vor Schmerzen winden muss. Von dem entzündeten Nagelbett ganz zu schweigen. An Schlaf ist gar nicht mehr zu denken. Und wenn ich die Beine hochlege, wie es mein Hausarzt empfiehlt, werden sie mit der Zeit ganz dunkelblau und eiskalt. Heute morgen konnte ich beinahe nicht mehr aufstehen, so schwach waren meine Füsse!"

Wieder geben wir dem ergriffenen Publikum kurz Gelegenheit, seiner Bewunderung Ausdruck zu geben. Dann greift Kollege Rinzling das Thema wieder auf, im

2. Satz: 'Oh Leib, vergehe in Schmerzen!'
(largo extremo piano)

"Das wäre ja noch gar nicht so schlimm, wenn ich nicht gleichzeitig immer noch so Schwierigkeiten mit meinen Nieren hätte." Kollege Rinzling senkt seine Stimme zu einem fast unhörbarem Flüstern. "Wenn ich die Beine hochlege, muss ich aber auf dem Rücken liegen, und dann bekomme ich schon nach ein, zwei Stunden entsetzliche Nierenschmerzen. Es heisst ja immer, wenn man was mit den Nieren hat, solle man viel Tee trinken. Aber können Sie sich vorstellen, was es bedeutet, dreimal in der Nacht aufgeweckt zu werden und abscheulichen Tee trinken zu müssen, obwohl man gar keinen Durst hat? Entsetzlich, sage ich Ihnen. Ich weiss bald gar nicht mehr... Und dann der dauernde Druck auf der Blase..."

Das Auditorium, obwohl schon etwas mitgenommen, honoriert auch diesen Satz mit verhaltenem Beifall. Allerdings kann man nicht ganz verhehlen, dass Kollege Rinzling diesmal den Einsatz der Blase nicht so ganz gut gebracht hat, wie sonst. Auch der Übergang von Thema der Beine zu den Nieren war nicht einwandfrei. Kollege Rinzling bemerkt, dass ich die Stirne runzele, und wirft sich mit Impetus in den

3. Satz und Finale: 'Des Odems letzter Hauch'
(allegro bombastico, fortissimo et furioso)

"Das viele Trinken ist natürlich Gift für mein Asthma. Wenn ich dann hilflos auf dem Rücken liege, merke ich richtig, wie sich langsam meine Lungenflügel füllen. Immer mehr Lymphe und immer weniger Raum zum Atmen. Manchmal denke ich, dass mir ein zentnerschweres Gewicht den Brustkorb zerdrückt. Da hilft dann nur noch Euphilin, in hoher Dosierung. Bloss die Nebenwirkungen, ach schrecklich! Immer wenn ich Euphilin schlucke, habe ich genau 13 Minuten später die entsetzlichsten Kopfschmerzen, die Sie sich vorstellen können. Und aus dem Gehörgang des linken Ohres fliesst dann immer Eiter ab - meine chronische Entzündung, Sie wissen ja, dass ich schon seit Jahren damit laboriere. Deshalb muss ich immer den Kopf auf die linke Seite legen, damit der Eiter ungehindert abfliessen kann. Stellen Sie sich das mal vor! Wenn ich es nicht mache, habe ich am nächsten Morgen die tollste Mittelohrentzündung und muss wieder Penicillin schlucken, wo mein Magen das doch gar nicht mehr verträgt. Aber das Schlimmste ist und bleibt die Migräne. Man hat das Gefühl, die Schädeldecke wird eingedrückt und gleichzeitig bohren sich glühende Stangen durch beide Schläfen!"

Nach diesem letzten Paukenschlag ist es todesstill. Kollege Rinzling hängt nach Atem ringend am Podium, sprich meinem IKEA-Regal. Einen Moment ist es so ruhig, dass man eine flüchtige Stecknadel hören kann, die es geschafft hat, dem Nadelkissen zu entkommen.

Dann bricht der frenetische Applaus los. Kollege Rinzling hat im letzten Satz alles wieder wettgemacht.

Mit zitternden Fingern führt er seinen Dirigentenstab, sprich Zigarillo zum Mund und inhaliert einen tiefen befreienden Zug. Aus seiner linken Jackentasche fischt er sein Herztonikum - mit 60 % Alkohol - und stärkt sich nach dieser künstlerischen Leistung mit einem Stamperl.

Dann schlurft er weiter durch die Flure - ein Künstler auf der Suche nach neuem Publikum...

Ich stoppe die Aufnahme und schicke das komprimierte Soundfile per FTP hinüber zu den Kollegen von der medizinischen Fakultät, Abteilung für galoppierende Hypochondrie. Die sind immer ganz begeistert von Rinzlings Aufführungen. Was sie sonst mühsam aus den Patienten herausquetschen müssen, liefert Rinzling fast täglich frei Haus.

Im Gegenzug bekomme ich von den Docs Blanko-Krankschreibungen und ab und zu Einsicht in die Personaldateien der Schwesternschülerinnen.

Ohne Vorwarnung stürzt Marianne in mein Zimmer. Ihre Augen funkeln wütend und sie schwingt drohend ihren Posaunenkasten. "WIE IST ES MÖGLICH, DASS EINE MAIL VON MIR IN ALLEN MÖGLICHEN ANDEREN MAILBOXEN LANDET?!" "Oh, äh... ja richtig: wir hatten heute morgen das komische Problem, dass der Sendmail-Dämon sich geweigert hat, deine mails zu verarbeiten. Ähm, um den Fehler einzukreisen, habe ich ein paar Tests gemacht. Kann sein, dass ich dabei..." "ICH GLAUBE DIR KEIN WORT MEHR", kreischt Marianne hysterisch. Warum müssen sich Frauen immer so leicht erregen? Obwohl, andererseits... "VOR DREI WOCHEN WARS ANGEBLICH EIN VIRUS IM SYSTEM! LETZTE WOCHE DIE KOSMISCHE STRAHLUNG UND VORGESTERN HAST DU BEHAUPTET, MEINE MAILS SEIEN EINFACH ZU LANG ODER ZU EMOTIONAL! DAS WAR EINE VERDAMMT KURZE PERSÖNLICHE MAIL HEUTE! UND ICH HAB WAS DAGEGEN, WENN SIE AN DIE FALSCHEN ADRESSATEN GELANGT!" Ich weiche in letzter Sekunde dem Posaunenkasten aus und manövriere mich in eine strategisch günstigere Position hinter meinem Schreibtisch. "Marianne! Sei vorsichtig mit deinem Kasten. Blechinstrumente sind ziemlich teuer, soweit ich weiss. Äh, in welchen Mailboxen ist die mail denn gelandet?" "Woher soll ich das wissen?!" schnauzt sie mich an. "Ich merke es ja erst, wenn die Leute mit dem Finger auf mich zeigen..." "Ich meinte ja nur, dass wir die mail vielleicht noch entfernen können, bevor die meisten sie lesen", rufe ich geduckt, in Erwartung des ultimativen Posaunenstosses. Nichts passiert. Ich luge vorsichtig um die Ecke des Schreibtischs. Marianne überdenkt mit zusammengezogenen Augenbrauen den Vorschlag. "Also gut", sagt sie und stellt den Posaunenkasten bei Fuss, "aber keine Tricks!" Erleichtert setze ich mich an meine Workstation. Erstschlag erfolgreich abgewehrt. Die Schirme haben gehalten. Photonentorpedos bereit. Fertigmachen zum Gegenschlag. "Ok", sage ich. "Um deine mail sicher in den Mailboxen zu finden, brauche ich einen eindeutigen Textteil. Was hast du denn geschrieben?" Marianne schaut mich misstrauisch an und ihr zorniges Gesicht überzieht sich erneut mit Purpur. "Ähm... wie wärs mit 'dich'?" "Viel zu häufig", schüttele ich den Kopf. "Dann 'Lieber'", schlägt Marianne trotzig vor. "Auch zu häufig. Fast alle Mails beginnen mit 'Lieber Herr Soundso'..." "Verdammt!" tobt Marianne. "Dann nimm 'liebe'!" "Gross oder klein geschrieben?" "Klein!" zischt es zwischen Mariannes zusammengebissenen Zähnen. Ich grepe rasch alle System-Mailboxen nach 'liebe' und der einzeilige und eindeutige Text von Mariannes mail erscheint siebenmal auf dem Display. Ich lösche rasch alle gemeldeten mails und sage: "Na also. Erledigt. War doch gar nicht so schlimm, oder?" Einen Moment lang befürchte ich, dass ich den Bogen überspannt habe. Aber Marianne wirft mir nur noch einen langen vernichtenden Blick zu, der jeden normalen Sterblichen auf der Stelle in die Psychatrie gebracht hätte, und verlässt ohne ein weiteres Wort mein Büro. Ihre Mordwaffe nimmt sie mit sich.

Später ändere ich vorübergehend das sendmail Programm, damit Marianne in den nächsten paar Wochen nicht mehr allzu häufig drankommt.

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