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Bastard Ass(i) from Hell #25 - #30

Nach oben Bastard Ass(i) from Hell #25

© Florian Schiel

Mit geschlossenen Augen taste ich nach dem heulenden Wecker, der sich irgendwie unter dem Laken versteckt hat, und würge ihn ab.

Noch fünf Minuten, nur noch fünf Minuten...

Ok, noch bis halb, dann stehe ich wirklich auf...

Naja, jetzt hab ich die Nachrichten eh schon verpasst, also bleibe ich noch bis viertel vor liegen.

Schliesslich raffe ich mit unmenschlicher Willensanstrengung auf und taste mich blind ins Badezimmer. Vor dem Spiegel zwänge ich das erste Mal die verklebten Augenlider auseinander. Als ich das vom Schlaf verquollene Gesicht mit den dunklen Ringen unter den Augen, die schlaff herunterhängenden zerdetschten schwarzen Haare und die bleiche ungesunde Haut erblicke, kommt mir das erste Mal das unangenehme Gefühl, dass hier irgendetwas nicht stimmt.

Ich überlege angestrengt. Habe ich gestern wieder etwas angestellt, was ich wissen sollte, bevor ich im Büro auftauche? Ich kann mich nicht erinnern. Das unangenehme Gefühl bleibt, während ich kritisch die Fältchen um die Augen herum inspiziere und einen Mitesser von meinem Kinn entferne. Komisch. Naja, erstmal eine Dusche, dann sieht die Welt schon ganz anders aus.

Gerade als ich die Proteinspülung im Haar habe, bleibt das warme Wasser plötzlich weg. Auf der Packung steht extra, dass man das Zeug nicht zu lange einwirken lassen soll, wenn man keinen Kahlkopf riskieren will, also spüle ich mir sinnlos vor mich hin fluchend mit eiskaltem Wasser die Haare aus. In Gedanken lasse ich den Hausmeister in der tiefsten Ebene auf kleiner Flamme schmoren.

Beim Abtrocknen betrachte ich kritisch die ersten Stellen von Orangenhaut hinten an den Oberschenkeln. Die Oberarme haben auch keine rechte Form mehr und ausserdem bin ich zu fett. Ich stelle mich seitwärts vor den Spiegel und ziehe den Bauch ein. Entsetzlich. Diesen Sommer werde ich mich auf Badeanzüge beschränken müssen. Der Busen und die Beine gehen ja noch. Haarentferner muss ich auch mal wieder besorgen.

Wieder beschleicht mich das seltsame Gefühl, dass irgendetwas anders ist als sonst. So wie... wenn etwas fehlen würde.

So, jetzt aber hopp; ich habe schon viel zu viel Zeit wieder vor dem Spiegel verbracht. Haare föhnen, Gesicht reinigen, Zähne putzen, Tagescreme... Sch....! Die Tagescreme ist alle und der Nachschub ist im Keller verstaut. Ich kann unmöglich in dem Aufzug in den Keller gehen. Also kratze ich die letzten Moleküle aus dem Töpfchen.

Dann stehe ich vor dem offenen Schrank und es kommt die tägliche Verzweiflung: Einfach nichts zum Anziehen da. Das lila Kostüm habe ich vorgestern erst angehabt, das graue gestern, zur weissen Hose habe ich keine passenden Schuhe. Unmöglich. Die braune bestickte Weste mit der weissen Bluse darunter? Und dann? Der weisse Rock ist in der Wäsche. Die mexikanische Jacke? Irgendwie zu kakelig... Vielleicht ein Sommerkleid? Aber dazu ist es noch zu kalt. Ich wühle in meinen Sachen und mir ist zum Heulen zu Mute.

Plötzlich muss ich innehalten. Irgendwie ist mir so, als ob ich heute Nacht geträumt hätte, dass... Ach, Quatsch! Ich hab jetzt andere Probleme. Ich entscheide mich doch für die weisse Bluse und die beige Weste aus Paris. Dazu einfach eine Designer-Jeans, und damit basta.

Wieder im Bad. Himmel, schon gleich 9. Und ich hab noch nicht mal gefrühstückt. Also jetzt schnell: ein wenig Makeup, ja nicht zuviel, Rouge, Augenbrauen nachziehen, Eyeliner... Verdammter Mist! Wieso kleckst der blöde Eyeliner plötzlich? Das hat er doch noch nie... Und mitten auf die weisse Bluse! Natürlich!

Wieder zum Schrank und nach was anderem Weissen gesucht. Da muss doch irgendwo noch eine kurzärmelige Bluse... Ich kann sie nicht finden. Wütend zerre ich an den Kleiderbügeln und plötzlich bricht die schon lange überlastete Stange mit genüsslichem Knacken. Alle aufgehängten Kleidungsstücke ergiessen sich in einen chaotischen Haufen auf dem Schrankboden. Ausgerechnet jetzt!

Ich nehme eine dunkle Bluse, obwohl sich die mit der Hose nicht verträgt, und knalle wütend die Schranktüre zu. Sie springt sofort wieder auf, aber das ist mir inzwischen auch schon egal.

Wieder zurück ins Bad. Bloss nicht auf die Uhr schauen. Schnell noch die Haare. Für eine gescheite Frisur bleibt heute eh keine Zeit mehr. Ich stecke mir nur die Haare hoch. Aber es fehlen zwei Haarspangen. Ich bin mir ganz sicher, dass ich die gestern hier in das kleine Tonkrügelchen gesteckt habe. Und wo sind die verd..... Dinger jetzt?

Jetzt bloss nicht heulen, sonst verschmiert der frische Eyeliner wieder. Völlig mit den Nerven fertig verlasse ich das Badezimmer und betrachte mich im Spiegel auf dem Flur. Ich schaue entsetzlich aus! Irgendwie war das in meinem Traum alles ganz anders gewesen, aber...egal, es ist sowieso schon zu spät

Für ein Frühstück bleibt mir keine Zeit mehr, nicht mal eine Tasse Kaffee gönne ich mir. Ich schlüpfe in den Mantel und raus. Als die Tür hinter mir ins Schloss fällt, merke ich, dass etwas Entscheidendes fehlt. Richtig, die Schuhe. Ich stehe mit Nylons auf den kalten Steinfussboden des Flurs. Wo zum Teufel sind die Wohnungsschlüssel. Dann fällt mir ein, dass ich die gerade noch bei der Stereoanlage habe liegen sehen. Ich lehne mich an die unerbittliche geschlossenen Wohnungstüre, schliesse die Augen und zähle langsam bis Zehn. Dann stürze ich auf Socken in den Keller; der ist zum Glück nie abgeschlossen, weil niemand etwas Wertvolles darin aufbewahrt. In einer Ecke meines Kellerverschlags finde ich, was ich suche: die alten Schuhe, die ich eigentlich schon längst für die Altkleidersammlung aussortiert hatte. Ich nehme ein Paar Pumps, die noch nicht gar so abgenutzt aussehen und renne zum Auto.

Draussen ist Nieselregen und ich habe meinen Schirm nicht dabei. Das Auto springt wieder mal nicht an. Hätte ich bloss endlich die Batterie auswechseln lassen. Schon das letzte Mal, bei der Inspektion, hat der Mechaniker gesagt... egal. Keine Zeit jetzt einen freundlichen Fahrer zu finden, der mir Starthilfe gibt. Zur U-Bahn also. Der Nieselregen sorgt auf dem kurzen Stück bis zum U-Bahnschacht dafür, dass meine sowieso misslungene Frisur vollends dahin ist.

Die U-Bahn kommt gerade, als ich auf den Bahnsteig laufe. Sehr gut. Erst als die Türen sich schmatzend hinter mir schliessen, fällt mir auf, dass die U-Bahn in die falsche Richtung fährt und ich kein Ticket gelöst habe.

Wenigstens bleibt es mir erspart, auch noch Strafe zu zahlen; kein Kontrolleur weit und breit. An der nächsten Station steige ich aus, kaufe mir ein Ticket und steige in die andere Richtung wieder ein. Während der Fahrt zur Uni fällt mir siedendheiss ein, dass ich vielleicht den Lockenstab nicht ausgeschaltet habe. Zurückfahren? Kommt nicht in Frage! Dann brennt halt die Bude ab! An der Haltestelle Universität bleibe ich beim Aussteigen mit den alten Pumps im Schlitz vor den Schiebetüren hängen und der Absatz geht ab wie Butter.

WAS ZUVIEL IST, IST ZUVIEL!

Ich sehe nur noch rot, packe den nächstbesten Passanten bei den Mantelaufschlägen und schreie ihm ins Gesicht: "WARUM - GEHT - BEI - MIR - HEUTE - ALLES - SCHIEF!!!" Dabei knalle ich seinen Hinterkopf im Takt der Worte an die U- Bahntüre.

Plötzlich schrecke ich hoch. Ich bin in meinem Büro, der Hals ist steif und verrenkt, weil ich den Kopf auf die Arme gebettet geschlafen habe. Draussen, vor der angelehnten Türe, höre ich Mariannes durchdringende Stimme, wie sie mit Frau Bezelmann redet: "... glauben gar nicht, wie leicht so ein blöder Absatz einfach abgeht. Und ich stand da, mitten in der Fussgängerzone und keinen Absatz mehr und hätte eigentlich schon vor einer halben Stunde dort sein sollen. Mannomann. Haben Sie schon mal versucht, in Pumps ohne Absatz zu laufen? Ganz schöne Qual, kann ich Ihnen sagen. Und die Frisur war natürlich auch längst hin, wegen dem blöden Wetter..."

Hastig taste ich über mein Gesicht und meinen Körper. Ein Glück! Alles wie gewohnt!

Ich stehe auf und schliesse leise die Bürotüre. Nichts gegen das weibliche Geschlecht, denke ich, während ich den Kopf diesmal auf die andere Seite lege und wieder die Augen schliesse, aber das mit dem Eyeliner, das war vielleicht ein Alptraum!


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Es sind Semesterferien. Die Studenten aalen sich ausnahmsweise nicht vor der Cafeteria in der Sonne, sondern in Griechenland oder in Thailand oder wo sich die heutigen Studenten sonst in der Sonne aalen. Der Chef ist auf einer 'Vortragsreise' durch Südfrankreich; die meisten Kollegen nutzen die ruhigen Zeiten für intensive 'Heimarbeiten'.

Folglich ist mir langweilig. Nicht mal ein klitzekleines Virus im PC- Labor! Completo pantalon muerto! Zu deutsch: total tote Hose!

Ich browse gelangweilt durch die Weiten des Internets. Irgendwie stosse ich zufällig auf die Home Page eines Jazz Fanatikers in Albuquerque mit Hunderten - natürlich illegaler - Soundsamples. In der Seite über Chick Korea befindet sich - ich traue meinen Augen nicht - ein Link zur Scientology Sekte. Ich klicke mich gerade durch die einleitenden Seiten der Scientologen, als Frau Bezelmann anruft.

Ob ich Nero für eine Stunde bei mir im Büro beherbergen könne. Sie müsse zum Arzt. Da ich sowieso nichts Besseres zu tun habe, erkläre ich mich bereit, den Monsterraben solange in meinem Zimmer zu dulden, vorausgesetzt, er ist sicher in seinem goldenen Käfig verwahrt.

Schliesslich habe ich keine Vorurteile gegen kahle Raben mit gelben Augen, auch wenn sie - wie Nero - ein wenig nach Moder und Gruft müffeln.

Keine Minute später bringt Frau Bezelmann persönlich den Käfig herein. Ich stelle ihn auf meinem Schreibtisch gegenüber an die Wand, so dass Nero mir nicht über die Schulter schauen kann (man kann nie wissen), und sage zu Frau Bezelmann: "Na, dann viel Spass im Fitnesstudio!" Ich weiss nämlich aus zuverlässiger Qülle, dass Frau Bezelmann seit neuestem Karate lernt. Frau Bezelmann presst nur verächtlich die schmalen Lippen zusammen und verschwindet mit laut klackenden Absätzen den Flur hinunter.

Ich schaue den Raben Nero an, und der Rabe Nero schaut mich an. Nachdem wir uns zwei Minuten lang ohne zu blinzeln angestarrt haben, bekomme ich ein leicht flaues Gefühl im Magen und wende gewaltsam meinen Blick von den kleinen gelben Augen mit den stecknadelgrossen Pupillen.

Auf dem Display ist immer noch die Begrüssungsseite der Scientology Sekte in Deutschland. Einer der Links verspricht ein 'umfassendes Psychogramm nach der Oxford-Methode'. Natürlich völlig unverbindlich und kostenfrei. Selbst ein blutiger Anfänger erkennt sofort, dass es sich um eine Bauernfängerei handelt. Ich klicke die Seite an und überfliege das Formular. Ziemlich läppisch. Die Intention der meisten Fragen ist sonnenklar. Fast noch primitiver als die Psychotests in den Fernsehzeitschriften. Ich will die Seite gerade verlassen, da fällt mein Blick auf Nero, der immer noch aufmerksam jede meiner Bewegungen verfolgt. Ich rufe das Formular nochmal auf und beginne zu tippen:

Vorname: Nero
Nachname: Bezelmann
Telefon: (Nach kurzem Zögern gebe ich meine Büronummer ein)
Adresse: (Ich gebe die Adresse des Chefs ein; der ist sowieso auf Vortragsreise)
Alter: 26
Geschlecht: Männlich
Stand: Ledig

Jetzt beginnen die eigentlichen Fragen zum Psychogramm: Ich schildere Nero als einen ziemlich verklemmten jungen Mann, der seinen Eltern nie verzeihen wird, dass sie ihn nicht aufs Internat geschickt haben. Statt dessen haben sie ihn zum Nesthocker erzogen. Er raucht nicht, trinkt nicht, lacht selten und fällt nie jemandem spontan um den Hals. Er hat einen regelmässigen Job (nach dem Einkommen wird nicht gefragt!), bekommt aber nicht die ihm zustehende Anerkennung. Er ist von einer weiblichen (sic!) Vorgesetzten abhängig, die ihn in seiner Karriere behindert. Darüber hinaus ist Nero fatalistisch, schaut seinem Gesprächspartner immer direkt in die Augen und hasst spontane Ausflüge oder Besuche. Ausserdem fällt es ihm schwer, mit Fremden ins Gespräch zu kommen. Schliesslich liebt er seine Arbeit, aber nicht seine Mitarbeiter. Er geht äusserst ungern aus dem Haus und würde niemals freiwillig in eine grössere Wohnung umziehen.

Ich mache die Antworten so ehrlich wie möglich, und wo nicht möglich, runde ich die Sache ein wenig ab. Dann lese ich das Ganze Nero vor und frage ihn, ob er damit einverstanden sei. Nero hat inzwischen begonnen, die spärlichen Brustfedern zu putzen, und beachtet meine Frage mit keinem Blick. Statt dessen dreht er sich gemächlich auf seiner goldenen Stange um und lässt etwas fallen.

Ich füge unter der Rubrik 'Sonstiges' noch ein: 'Habe eine Glatze und ständige Verdauungsprobleme.' und schicke das Formular an den Rechner der Scientologen in Berlin.

Keine zwei Wochen später klingelt das Telefon, und da ich gerade guter Laune bin, hebe ich ab. "'llo?" sage ich, während ich die Pizza in die andere Hand jongliere und die Cola zwischen PC-Monitor und Videorecorder festklemme. "Hier spricht Miriam von der Dianetik-Gruppe Berlin. Wer ist da, bitte?" sagt eine energische weibliche Stimme, etwa 35, dunkelhaarig, mit leichtem Ansatz zum Oberlippenbart und Kontaktlinsen (eine genauere Analyse wird erst möglich sein, wenn sich digitales Telefonieren mehr durchgesetzt hat. Es lebe das ISDN!). "Hier bin ich", sage ich. Im 'Ratgeber für effiziente Verhandlungen über das Telefon' steht ausdrücklich, dass man sich kurz und präzise ausdrücken und dem Gesprächspartner Gelegenheit zum Rückfragen geben solle. Das fördere den kommunikativen Prozess und führe zu beiderseitiger Befriedigung des angeborenen Bedürfnisses nach Anteilnahme und Feedback aus der Sprachgemeinschaft, oder so ähnlich. "Und wer sind Sie?" fragt sie. "Ich bin ich. Sie müssen doch wissen, wen Sie anrufen wollten." "Sind Sie Herr Bezelmann? Nero Bezelmann?" "Nein. Der ist gerade nicht in seinem Zimmer." "Ah. Wie schade. Wann..." "Ich glaube, er ist gerade mal wieder bei seinem Therapeuten." "Therapeuten?" Die weibliche Stimme klingt auf einmal sehr interessiert. "Ja. Wissen sie, Nero hält sich seit frühester Kindheit konsequent immer nur in geschlossenen Räumen auf. Er verlässt nie einen geschlossenen Raum. Deswegen ist er jetzt beim Therapeuten." "Aber... wenn er zum Therapeuten geht, muss er doch auch aus dem Haus...", wendet die weibliche Stimme ein. "Er nimmt das Auto", sage ich. "Alle Scheiben bis auf die Windschutzscheibe sind dunkel getönt." "Aber... um zum Auto zu gehen, muss er doch auf die Strasse." Der Logik dieser hartnäckigen Scientologen-Miriam ist nicht so leicht auszukommen. "Schon mal was von Tiefgaragen gehört?" "Ah..." "Genau. Nero besucht nur Häuser, die er über die Tiefgarage befahren kann. Sein eigenes Haus hat natürlich auch eine. Bei uns arbeitet er nur, weil unsere Firma auch eine Tiefgarage hat." Ich höre sogar durch die Leitung den Bleistift aufgeregt kritzeln. "Ähm... hören Sie, ich muss Nero unbedingt erreichen. Mein Name ist Miriam; ich bin von der Oxford Persönlichkeitsanalyse. Nero hat bei uns ein Profil angefordert und ich wollte noch ein paar Informationen von ihm...." "Ich kann es ihm ja ausrichten", sage ich zweifelnd, "aber ich glaube kaum, dass er zurückruft." "Äh... wieso?" "Nero kommuniziert fast ausschliessich über das Internet; er hasst direkten Kontakt mit Menschen." Auf der anderen Seite der Leitung sabbert etwas begeistert. "Hören Sie, ich MUSS ihn UNBEDINGT sprechen. Ich bin sicher, dass wir ihm helfen können" "Mhm. Ich gebe Ihnen mal seine Privatnummer..." "AH! JA!" Ich gebe ihr die Nummer vom Chef und sie legt auf.

Am nächsten Morgen klingelt um halb zehn (sic!) das Telefon. Sie ist es wieder. "Äh... kann ich Nero Bezelmann sprechen?" Ich schaue zu Nero hinüber, der sich zufällig mal wieder unter meiner Aufsicht befindet (Frau Bezelmanns Fortschritte in Karate machen mir allmählich Sorgen!) und sich gerade angelegentlich die Schwanzfedern putzt. "Ähm, nnnnein. Der ist gerade sehr beschäftigt." "Aber er ist da?" "Ja, da ist er. Wenn Sie damit meinen, dass er körperlich anwesend ist." "Wie bitte?" "Er ist körperlich zwar anwesend, aber nicht geistig " "Wieso?" "Nun, ich glaube, dass er noch unter dem gestrigen Schock leidet. Er hat seinen eigenen Vater in der Tiefgarage überfahren." "Ein SCHOCK?! Ich meine... wie äussert sich das denn bei ihm???" Ich merke, dass sie vor lauter Neugierde den Hörer nicht mehr ruhig halten kann. Ich könnte der Scientologen-Tante jetzt alles erzählen. Ich könnte zum Beispiel sagen, dass es Nero von seinem Schock heilen würde, wenn sie ihm durchs Telefon Bukowsky-Gedichte rezitierte. "Hallo? Sind Sie noch dran?" fragt sie ungeduldig. "Ja, klar. Haben Sie zufällig einen Bukowsky-Band bei sich?" "Nein? Wieso?" "Vergessen Sie's. Also, im Moment webt er." "ER WEBT?!" "Naja, er sitzt da, starrt die Wand an und wiegt sich langsam von einer Seite zur anderen; das macht er manchmal den ganzen Tag..." "Aber... aber, das ist ja schrecklich." "Tja, ist es wohl. Normalerweise hilft ihm in so einem Zustand nur noch eine Katze." "Eine Katze", kommt es fassungslos durch die Leitung. "Richtig. Eine Katze. Oder Katzenmiauen. Sie müssen wissen, dass Nero früher mal eine Katze hatte, die er abgöttisch geliebt hat. Deshalb hilft es manchmal, wenn er Katzenmiauen hört." "Und... wo ist Neros Katze jetzt?" "Tot", sage ich lakonisch, "er hat sie aufgegessen." "WAS?!" "Auf-ge-ges-sen", wiederhole ich deutlich, "verspeist, gefressen, vertilgt, verkonsumiert, einverleibt, ..." "Hören Sie auf! Das glaube ich einfach nicht! Ich möchte jetzt Nero selber sprechen!" "Gut. Ich halte ihm den Hörer hin, ok?" Ich stehe auf und gehe mit dem Telefon zu Neros Käfig hinüber. "Hier, Nero. Da will dich jemand sprechen", sage ich und halte den Hörer dicht an die Käfigstäbe. Nero beobachtet mich misstrauisch; den Hörer würdigt er keines Blickes; auch nicht, als die aufgeregt piepsende Stimme daraus ertönt. Ich nehme den Hörer wieder weg. "Hallo, Nero?" "Nein, ich bins wieder", sage ich. "Ich glaube, Nero möchte nicht mit Ihnen sprechen." "Was hat er gemacht?" "Er hat kurz aufgehört zu weben, aber jetzt hat er wieder angefangen." "Aber er muss mir zuhören. Ich habe die frohe Botschaft, die ihn für immer aus seiner Qual erlösen wird." Der Tonfall der weiblichen Stimme ist auf einmal ganz salbungsvoll geworden. So was geht mir gewaltig gegen den Strich; wie wenn man mit den Fingernägeln über eine Schieferplatte kratzt; oder mit einem stumpfen Küchenmesser Styroporplatten zerschneidet. Na warte! "Vielleicht, wenn Sie ihm etwas vor-miauen", schlage ich vor. "WAS?!" "Ich sagte Ihnen doch, er liebt Katzen. Passen Sie auf: ich halte ihm den Hörer hin, und Sie miauen ihm was vor. Das ist die einzige Chance, seine Aufmerksamkeit zu erregen." Die Scientologen-Tante schreckt vor nichts zurück. Hat wohl ihr Pensum an neuen Opfern noch nicht erreicht, wie? "Na, gut", sagt sie und fängt zaghaft an zu maunzen. Ich hänge den Hörer in die Gitterstäbe und schalte den Lautsprecher ein, um ja nichts zu verpassen. Nero wird aufmerksam. Wenn er etwas nicht ausstehen kann, sind das Katzen jeder Art. Er rückt unruhig auf seiner Stange hin und her. Das anfangs zaghafte Miauen (unterbrochen von ein, zweimaligem Räuspern) steigert sich zum gefühlvollen Katzengesang. Nero verlässt seine goldene Lieblingsstange und hopst auf den Boden des Käfigs. Er krächzt zweimal warnend, dann geht er zum Angriff über. Der schwarze lange Schnabel trifft zielsicher aufs Mikrophon; im Lautsprecher klingt es wie ein Schuss. Das Miauen bricht ab. "Was war das? Nero, sind Sie da?" Nero krächzt triumphierend, erfreut darüber, dass er das impertinente Katzenvieh in die Flucht geschlagen hat. Das Krächzen klingt wie das erste Morgenröcheln eines TBC-kranken Kettenrauchers nach einer durchzechten Nacht. "Um Gottes Willen! Nero? Geht es Ihnen gut?! Hallo?! HALLO!!!" Ich nehme den Hörer wieder zur Hand. "Tja, ich fürchte, das Miauen hat ihm auch nicht gefallen. Er hat sich gerade mit seiner Lunger durch die Schläfe geschossen..." "Wwwwas?!" Die Stimme der Scientologen-Tante wird langsam hysterisch. Wahrscheinlich noch nicht lange im Geschäft. Hah! "Keine Angst!" sage ich. "Er simuliert das nur. Das macht er ziemlich häufig." "Sisisisim...sim...simuliert?!" "Mhm. Hat er sich aus den Film 'Harold and Maude' abgeguckt. Jetzt liegt er da vor mir auf dem Fussboden und blutet gerade echt realistisch den Teppich voll. Schöne Sauerei!." "Oh, mein Gott! Sind Sie sich auch ganz sicher, dass er simuliert? Ich meine, es klang so realistisch... der Schuss... und wie er... wie er verendet ist..." "Nein, nein. Wissen Sie, ich glaube, das war nur Neros Art, Ihnen mitzuteilen, dass er keine Lust hat, wie die ganzen anderen Vollidioten in Ihrer Sekte den lieben langen Tag am Telefon zu hängen und nach noch blöderen Vollidioten zu suchen."

Es bleibt still im Telefon. Fünf ganze Sekunden herrscht Stille (ich zähle stumm mit). Dann klickt es leise.

Es hört sich an wie ein gefallener Groschen.


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Ich, der B.A.f.H., möchte heute den ultimativen Beweis antreten, dass die REALITÄT jede nur denkbare FIKTION in aller Hinsicht übertrifft.

Wir befinden uns jetzt in einer kleinen, rund gebogenen Wohnstrasse einer mittelgrossen Stadt im Einzugsbereich Münchens. Nennen wir sie vorläufig den Buchenweg (Anm. der Redaktion: sämtliche Namen geändert!). Wir schreiten die ruhige schmale Strasse entlang; links und rechts Drahtzäune und gerade gestutzte Hecken, hinter denen sich kleine, aber saubere Häuschen ducken. Vor den Häuschen stehen blitzsaubere deutsche Markenautos und funkeln in der Sonne, und an den diskreten grauen Verteilerkästen der Telekom erkennen wir, dass diese Strasse bereits erfolgreich verkabelt wurde. Natürlich kein Durchgangsverkehr, zusätzlich verkehrsberuhigt durch Tempo Dreissig und Recht-vor-Links. Eine ruhige, friedliche Wohngegend mit ruhigen, friedlichen Bewohnern, die allesamt so langweilig sind, dass schon bei Einbruch der Dämmerung getrost die Gehwege hochgeklappt werden können.

Möchte man meinen. Man würde sich gewaltig irren!

Beginnen wir mit Paul Heimlich, der ganz hinten in der Biegung wohnt. Paul arbeitet für den BND. Von seiner erste Frau, Hannelore, hat er sich scheiden lassen, nachdem er sich bei einem dienstlichen Aufenthalt in Baden Baden einen Kurschatten namens Birgit angelacht hat. Ausserdem kann er zu diesem Zeitpunkt schon mit dem ersten ausserehelichen Kind aufwarten - allerdings wieder von einer anderen, deren Name mittlererweile in der Nachbarschaft verschollen ist. Glücklicherweise war Paul so geschickt, angeblich aus steuerlichen Gründen das Haus ausschliesslich auf seinen Namen zu führen und Gütertrennung zu vereinbaren. Hannelore geht also leer aus und verlässt den Buchenweg mit ihren drei Kindern. Die neue Birgit hat sich allerdings das Leben an der Seite des Geheimdienstmannes Paul etwas anders vorgestellt. Wenn Paul von nervenaufreibender nachrichtendienstlicher Tätigkeit ermattet nach Hause kommt, steht sie schon fix und fertig für die Disco auf der Matte. Kein Wunder, dass Paul dieser Belastung auf die Dauer nicht gewachsen ist. Daher holt Birgit sich aus Köln Ersatz: ihr früherer Freund Ludwig, der immer in zweiter Reihe auf seine Chance bei Birgit gewartet hat, wird kurzerhand nach Bayern beordert. Ja, er verschleudert Birgit zuliebe sogar seine Firma in Köln und kauft ihr ein Haus in einer benachbarten Stadt. Allerdings ist das Glück nicht von langer Dauer: Birgit verlässt den dumm-treuen Ludwig schon nach wenigen Monaten, um mit einem Neuen (Name unbekannt) ein grösseres Haus zu beziehen, wieder in einer anderen Stadt. Paul hat inzwischen die Nase voll von den deutschen Frauen, geht nach Spanien und lacht sich dort eine 20 Jahre jüngere Spanierin an. In das Haus ziehen neue Geheimdienstler ein...

Im Nachbarhaus lebt Katrin, die von ihrem Mann schon vor Jahren sitzengelassen wurde. Zum Glück für Katrin war ihr Verflossener Industrieller und hat - im Gegensatz zu Paul - vergessen, bei der Eheschliessung Gütertrennung zu beantragen. Katrin lebt jahrzehntelang ganz gut von ihren Anteil am saftigen Braten. Nur vergisst sie leider öfters die Handbremse anzuziehen, und ihr teurer BMW rollt dann rückwärts quer über die abfallende Strasse und rammt zum Ärgernis der Nachbarschaft die schmiedeeisernen Tore der gegenüberliegenden Grundstücke. Natürlich bestreitet Katrin jedesmal, dass es ihr BMW war, der die neue Delle produziert hat.

Zwischen den Hubers und Katrin lebt die junge Susi im Haus ihrer Grossmutter - zumindest ist das die allgemeine Auffassung. In Wirklichkeit ist die Eigentümerschaft des Hauses seit elf Jahren reichlich umstritten. Denn seit der Stiefgrossvater von Susi ohne ordentliches Testament und ohne leibliche Kinder verstorben ist, sind einige Dutzend Juristen auf der ganzen Welt, im wesentlichen jedoch in Lateinamerika, auf der Suche nach weiteren möglichen Erben. Jedenfalls lebt Susi im Moment zusammen mit ihrem Freund Alfred in diesem Haus. Wo Alfred herstammt, verliert sich im Dunkel; plötzlich ist er jedenfalls da und nimmt sofort alles in die Hand. Das Haus sei völlig falsch konstruiert und renovierungsbedürftig. Alfred reisst zuallererst die Zwischenwände im Erdgeschoss heraus, weil man in den engen 'Mauslöchern' Platzangst bekomme, und lässt sämtliche Fenster austauschen. Nebenher saniert er noch Katrins Garage, unter deren Dach sich ein Steinmarder häuslich niedergelassen hat, dessen Fäkalien und verwesende Mordopfer seit Jahren pestilezialischen Gestank über die ganz Nachbarschaft verbreiten. Natürlich zahlt Katrin keinen Pfennig für diesen nachbarlichen Dienst, und der Grund für eine weitere nachbarliche Fehde ist gelegt. Dann geht Alfred - da er 'momentan nicht erwerbstätig' ist - das Geld aus, und er weigert sich, die Handwerker zu bezahlen, weil angeblich einige Fenster schief eingebaut wurden. Während der Rechtsstreit noch schwelt, ist das Erdgeschoss - wegen der rausgerissenen Zwischenwände - mittlererweile unbewohnbar geworden, und Susi und Alfred ziehen in den ersten Stock. Bald darauf kommt Alfred wohl in ernste Geldschwierigkeiten. Zunächst verkauft er Susis Minicooper (mit der Begründung, dass sie ja schliesslich auch mit dem Fahrrad in die Arbeit fahren könne), dann heiratet er zum Schein eine Kroatin, damit diese nicht abgeschoben werden kann, und kassiert dafür 4000 Mark. Bei Susi, die sowieso schon allmählich von Alfreds Aktivitäten die Nase voll hat, bringt das das Fass zum Überlaufen. Nach einem prächtigen Krach, dessen Lautstärke die gesamte Nachbarschaft teilhaben lässt, zieht Susi zu ihren Eltern und lässt Alfred in dem Haus, dessen Eigentümerschaft, wie schon gesagt, nach wie vor ungeklärt ist, allein zurück. Alfred weigert sich auszuziehen, bevor nicht seine Renovierungsleistungen an dem Haus angemessen entlohnt worden sind. Die Familie von Susi dagegen argumentiert, dass er das Haus nicht renoviert, sondern unbewohnbar gemacht habe. Daraufhin verbreitet Alfred in der Nachbarschaft, dass er 'die Hütte' sowieso bald verkaufen werde, und dann nach Mexiko auswandern wolle. Wie er ein Haus an den Mann bringen möchte, das den Streitpunkt eines schwebenden Erbschaftsverfahrens darstellt, bleibt den Nachbarn unbekannt.

Alfreds Treiben ist wiederum Frau Huber von schräg gegenüber ein dauerndes Ärgernis. Frau Huber verfügt über ein bis zum Äussersten entwickeltes Sicherheitsbewusstsein. Ihr Gartentor ist immer abgeschlossen, seit ein paar Häuser weiter unten harmlose Insassen eines Pflegeheims einquartiert wurden. Gegen diese 'Irren' müsse man sich schützen. Jawohl! Sonst stehen die eines Tages plötzlich im Vorgarten, nicht wahr? Auf den Friedhof geht Frau Huber auch nur noch in Begleitung, seitdem dort einmal ein Mann auf einer Bank gesessen habe, der genau in dem Augenblick aufgestanden sei, als sie vorüberging. Alfred hat in letzter Zeit öfters Kerzen brennen - vielleicht fühlt er sich seit Susis Auszug einsam? Jedenfalls ist Frau Huber sicher, dass er eines Tages das Haus anzünden wird. Deshalb steht sie nun jeden Abend am Küchenfenster und beobachtet sicherheitshalber die Kerzen bei Alfred gegenüber. Im Ernstfall könne sie dann sofort Susis Familie anrufen, meint sie. Die Nachbarn setzen dagegen, dass sie - wenn schon nicht die Feuerwehr - vielleicht besser den alten Herr Nördlinger, den Bruder von Susis verstorbenen Stiefgrossvater alarmieren solle, der in der anderen Doppelhaushälfte von Susis/Alfreds Haus wohnt. Schliesslich sei der doch etwas unmittelbarer betroffen, wenn das Haus abbrennt.

Übrigens, der alte Nördlinger. Der hat in seinem Leben auch nichts anbrennen lassen. Er hat hintereinander seine Frau und zwei Freundinnen überlebt. Pikanterweise dauert es nach der Beerdigung der zuletzt Verflossenen immer nur ein paar Tage bis die nächste auf der Matte steht. Inzwischen ist er 86, aber immer noch rüstig und streitbar. Da er, als der Bruder des kinderlos verstorbenen Stiefgrossvaters von Susi, am ehesten als Erbe der anderen Doppelhaushälfte in Frage kommt, steht er mit dem 'dahergelaufenen Rumtreiber' Alfred erst Recht auf Kriegsfuss.

Nachbar Obermann interessiert sich nur wenig für all diese turbulenten Ereignisse. Er hat sich vor kurzem einen alten Kindheitstraum erfüllt und einen gebrauchten Traktor erstanden. Da er das kostbare Stück auf gar keinen Fall einfach so auf der Strasse herumstehen lassen kann, schmückt das schön grün lackierte Ungetüm jetzt seinen Vorgarten. Niemand weiss so recht, was Obermann eigentlich mit dem Ding vorhat, da er weder einen ausreichend grossen Garten, noch sonst irgendwelche landwirtschaftlichen Grundstücke besitzt. Ab und zu erfreut er jedoch die Nachbarschaft mit lautstarken Proberundfahrten durch den Buchenweg.

Auch der junge Biederheimer, dessen Grundstück hinten an das von Obermanns grenzt, hat eine Investition fürs Leben getätigt - wenn auch in ganz anderer Richtung: Er hat sich eine Asiatin als Frau eingekauft, und seitdem wuseln zunehmend immer mehr kleine Halbasiaten durch den Buchenweg.

Und so geht es weiter und immer weiter: Durch herabgelassene Jalousien, durch Lücken in den hohen Hecken, durch Schlüssellöcher werden neue Entwicklungen aufmerksam beobachtet und über Zäune hinweg gründlich erörtert. Es brodelt und kocht, es brummt und zischelt im Buchenweg. Wozu brauchen wir noch die Lindenstrasse im Fernsehen? Wozu überhaupt Fernsehen? Man schaue doch nur mal über den eigenen Gartenzaun!

Und wer sich jetzt souverän zurücklehnt und lächelnd meint, das sei jetzt mal wieder nur der typischen überhitzten Phantasie des B.A.f.H. entsprungen, der irrt: Jedes Wort das hier geschrieben steht ist wahr und buchstäblich genau so geschehen!

Realität IST die beste Soap Opera, die man sich vorstellen kann. Das Leben um uns herum ist ein einziges riesiges Kabarett; man muss nur darauf achten!


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Auf dem Weg zur Cafeteria stolpere ich zu hunderttausendsten Mal über die Innereien der alten PDP11, die seit Studentengenerationen dekorativ in unserem Gang herumlungert. Vor mich hinfluchend reibe ich den schmerzenden Knöchel und betrachte kritisch unseren 'Elefantenfriedhof': Drei ausgeschlachtete Mikrovaxen, bei denen die Kabel aus den Chassis hängen, jede Menge alter Terminals, Kisten mit kaputten Messgeräten und Elektronikschrott, Kabeltrommeln, ein Regal voller alter Datenbücher über Teile, die längst niemand mehr herstellt, ein halbes Dutzend ausgeleierter Bürostühle mit nur vier Rollen, auf denen sogar die unerschrockensten Studenten nicht mehr sitzen möchten.

Und alles lagert mangels Platz auf unserem Gang mitten im Institut. 'Fluchtweg' steht in grossen grünen Buchstaben auf einem Schild und der Pfeil deutet direkt in eine gemütlichen Ansammlung alter Büroschränke, in denen weiss Gott was für uralte Akten bis zum St. Nimmerleinstag aufbewahrt werden.

Marianne kommt mir aus der Teeküche entgegen und windet sich vorsichtig durch herabhängende Kabelbäume. Eines der Kabel versucht sie zu strangulieren, aber Marianne, durch langjährige Erfahrung gewitzt, weicht in letzter Sekunde aus.

Gefährlich, denke ich entzückt, böse und gefährlich. Probeweise zerre ich an ein paar giftgrüngelben Massekabeln, die wie bösartige Gewächse aus dem Sockel der PDP11 wuchern. Sofort löst sich irgendwo über meinem Kopf eine schwere Drosselspule und poltert haarscharf an meinem Kopf vorbei. Zwanzig Zentimeter weiter rechts und mein Schädel wäre jetzt Matsch.

Natürlich, es ist ja auch nur zu verständlich. Diese Maschinen waren einmal - vor gar nicht so langer Zeit - das Non-Plus-Ultra der Rechnertechnologie, High Tech, sündhaft teuer, von allen gehätschelt und umsorgt. Was war das für ein Drama, wenn bei einer PDP11 ein Plattenlaufwerk mit 2 MB (in Worten: Zwei Megabyte) ausfiel. Es war wie ein Trauerfall in der Familie; das ganze Institut versammelte sich im eisgekühlten Rechnerraum und umstand den armen Patienten, gab Ratschläge, versuchte zu helfen oder bekundete einfach nur Anteilnahme. Man schuf extra Räume mit spezieller Klimaregelung, raffinierten Einbruchs- und Feuermeldeanlagen. Die Systemverwalter waren Priester einer neuen Kaste, mit Leib und Seele der geheiligten Maschine verschrieben. Ich kannte Systemmanager, die ihren Urlaub in die Wartungszeiten der ihnen anvertrauten Maschine legten; ein anderer war hundertprozentig davon überzeugt, dass seine 'Babies' sofort abstürzen würden, wenn er einmal nicht pünktlich um halb neun Uhr nach den Backups schaute.

Und jetzt? Aus ist's mit der Herrlichkeit. Verstossen und verlassen stehen sie da, die einstigen Kings. Verdrängt von lächerlichen Rechenzwergen, die nichtsdestotrotz mit links die hundertfache Leistung erbringen. Kein Mensch kümmert sich mehr um diese alten Elefanten - aber wegwerfen bzw. entsorgen, wie das heute heisst, darf man sie auch nicht. Schliesslich haben sie mal vor langer Zeit Hunderttausende gekostet und sind noch lange nicht abgeschrieben. Einsam, tot und inventarisiert stehen sie in Gängen und dunklen Ecken und warten darauf, dass sie endlich ihre letzte Reise zur Sondermülldeponie antreten dürfen. Ab und zu kommt ein Veteran der ersten Stunde an ihnen vorbei, streicht ihnen zärtlich über die Bitschalterregister und denkt wehmütig an die guten alten Zeiten, wo man einen Bootzyklus noch Bit für Bit hineinhacken musste.

Tot? Na, wer weiss. Gerade hat mich wieder so ein altes Trum, eine Art umgebauter BS2000 mit einer 110 Volt Netzleitung am Bein gepackt.

Eben nicht tot! Wütend sind sie! Sie toben innerlich über die Ungerechtigkeit der modernen Zeiten. Wahrscheinlich ist die Enttäuschung über die Treulosigkeit der Menschen im Laufe der Jahre so gross geworden, dass die Gesetze der Statistik nicht mehr gelten. Wie sagte S. Lem einmal in den Sterntagebüchern? "Quantenmechanisch ist alles eine Frage der Statistik. Auch wenn der Mensch zigmillionenmal derjenige war, der den Rechner ausgeschaltet hat, kann es doch beim zigmillionenersten Fall einmal der Rechner sein, der den Menschen ausschaltet." (Das Zitat ist etwas frei angeglichen; man möge mir verzeihen! Im Orginal ging es um Kartoffeln und nicht um Computer!)

Nachdenklich betrachte ich die armen Maschinenkreaturen. Arme alte Elefanten. Man müsste etwas für sie tun. Ich krempele mir die Ärmel hoch.

Am nächsten Morgen ruft mich Kollege O. an, obwohl sein Büro nur ein paar Schritte von dem meinigen entfernt ist. "Ja?" sage ich. "Äh, was macht der ganze alte Schrott in meinem Zimmer!?" "Was für ein Schrott genau?" frage ich höflich zurück. Man muss am Telefon immer für absolute Klarheit der Begriffe sorgen; sonst redet man sich unter Umständen die Köpfe heiss und nach einer Stunde merkt man dann, dass nur eine abweichende Begriffsbestimmung bei den beiden Gesprächspartnern vorliegt. "Was für ein Schrott genau!!!" äfft er mich nach. Kollege O. ist offensichtlich stark erregt. "Das alte Monster, das immer dahinten im Gang stand! Jetzt ist es in meinem Zimmer und blinkt und gibt fürchterliche Geräusche von sich!" "Ach du meinst die Segment 3 Bridge", sage ich beruhigend. "Nur keine Panik. Ich habe die Bridge wieder in Betrieb genommen, weil die neue in Reparatur ist. Und da sich die Segmente nur in deinem Zimmer berühren, musste ich..." "Das ist doch keine Bridge, das ist ein... ein... ein..." Kollege O. verstummt, weil er eben NICHT weiss, dass es sich um eine uralte Industrie-Mikrovax handelt, die ich ihm da ins Zimmer geschoben habe. Da zeigt es sich wieder mal: Wissen ist Macht! "Doch, ganz bestimmt ist das eine Bridge von Digital", versichere ich ihm. "Sie ist zwar schon eine Weile nicht mehr gelaufen, aber du kannst an der Rückseite sehen, dass das Segment 3 und das Backbone daran angeschlossen sind - und es funktioniert." Was Kollege O. nicht sehen kann: Ins Innere der ausgeschlachteten Vax, bei der sowieso nur noch Lüfter und eine Platte laufen, habe ich die moderne Bridge ganz locker integriert. Kollege O. gibt sich geschlagen und legt auf, nachdem ich ihm versichern musste, dass 'das Ding sofort wieder entfernt wird', wenn die reparierte Bridge zurückkommt. Das kann ich ihm guten Gewissens versichern.

Als nächstes steht, wie aus dem Boden gewachsen, Frau Bezelmann in meiner Tür. Ihre Brillengläser blitzen angriffslustig. "Jemand hat die Kaffeemaschine entwendet", verkündet sie drohend. "Statt dessen steht da eine fürchterlich staubige, lärmende Maschine in der Ecke, die Nero Angst macht. Er ist ganz verstört, der Arme!" "Die Kaffeemaschine ist mir gestern heruntergefallen", erkläre ich. "Heruntergefallen!" echot Frau Bezelmann unheilschwanger. "Aber das macht nichts", fahre ich hastig fort, "weil wir ja noch die sehr zuverlässige Industrie-Kaffeemaschine haben. Ich habe sie gleich in Ihr Büro bringen lassen. Zugegeben, sie ist etwas gross, aber..." "Industrie-Kaffeemaschine!!!" "Ja, sicher. Das war noch lange vor ihrer Zeit. Sie müssen den orangen Hauptschalter an der linken Seite drücken, in den oberen Trichter Wasser einfüllen..." "Morgen!!" sagt Frau Bezelmann entschieden. "Morgen kommt das Ding weg, und wenn ich ich auf eigene Kosten eine neue Kaffeemaschine kaufen muss!!!"

Na gut, denke ich, man kann nicht immer gewinnen. Obwohl ich die PDP11 im Sekretariat ganz dekorativ fand. Sie passte irgendwie gut zu dem uralten IBM PC, den Frau Bezelmann immer noch in Gebrauch hat. Und die Kaffeemaschine hat auch ganz gut hineingepasst.

Das Telefon klingelt wieder. Diesmal ist es der Chef. "Äh... Leisch? Gut, dass Sie äh... da sind. Hm... ich vermisse irgendwie meinen... äh... PC. Haben Sie...?" Ich erkläre dem Chef ausführlich, dass die modernen PCs einfach schrecklich unzuverlässig sind. Alles nur in Taiwan zusammengestöpselt. Ständig Hardware-Ausfälle. Und plötzlich sind dann die ganzen Berichte fort, oder es passiert noch was Schlimmeres. "Deshalb habe ich Ihnen die alte, zuverlässige VaxStation 3000 wieder in Ihr Büro gestellt. Da können Sie sich wenigstens drauf verlassen, nicht wahr?" "Oh... naja, ich hatte mich eigentlich schon... äh..." "Ausserdem können Sie da ohne Probleme Fortran-77 laufen lassen." "Ah? Ja? Na dann... äh.... Vielleicht haben Sie ja recht. Das... äh... moderne Zeugs soll ja auch so... so... gesundheitsschädlich sein, nicht?" Ganz bestimmt, versichere ich dem Chef. "Ja, hm... und das andere Ding da... ähm... unter... unter meinem Schreibtisch... ich meine, das sieht fast so aus wie... wie... na... wie ein Plattenlaufwerk...?" Bingo! Der Kandidat hat hundertundzehn Punkte! "Ganz recht", sage ich. "Das ist das Plattenlaufwerk, auf dem Ihre VaxStation automatisch Backups macht. Dadurch haben Sie doppelte Datensicherheit, verstehen Sie? Sie sind sozusagen autark." Autark sein gefällt dem Chef fast immer. Hoffentlich bemerkt er nicht, dass die Kiste gar nirgends angeschlossen ist. "So... ja, das ist ja... äh... schön", kommt es zögernd durch die Leitung. "Ausserdem", setze ich noch eins drauf, "ausserdem werden Sie jetzt nie wieder kalte Füsse bekommen, weil der Lüfter die warme Abluft genau unter Ihren Tisch bläst." Wenn man mal davon absieht, dass wir zur Zeit Hochsommer haben. "Aha? Ja... das ist wirklich sehr... äh... passend. Also dann..." Der Chef legt auf. Die drei alten Terminals an der Wand blinkern mir freundlich zu.

Wenigstens einer, der ein Herz für die alten Elefanten hat.


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An meinem Data-Glove ist ein Stecker abgebrochen, was zur Folge hat, dass ich den Steuerknüppel in SpaceSpiders III 1/2 nur noch von links nach rechts bewegen kann. Nachdem zum dritten Mal eine fette gelbe SpaceSpider mein Raumschiff hoffnungslos umsponnen hat, gebe ich auf. Ich fahre die Schilde hoch und begebe mich gemächlich hinunter in die Werkstatt der Haustechnik, um den Schaden am Data-Glove zu beheben.

In der Ecke der Werkstatt sitzt eine aufgeschlagene BILD-Zeitung neben einer halb geleerten Flasche Bier. Ohne sie weiter zu beachten, werfe ich die Lötstation an und gehe hinüber zum Materialschrank, um nach einem passenden Ersatzstecker zu suchen.

"He!"

Ich fühle mich nicht angesprochen. Die Haustechnik und ich, wir haben ein bewährtes beiderseitiges Nicht-Einmischungs-Abkommen.

"He, Sie da!! Was macha Sie'n da?!"

Ich drehe mich um. Die BILD-Zeitung liegt auf dem Tisch; der Typ, ein corpus grave im Blaumann, ist schon halb aufgestanden und kommt auf mich zu. Ich schaue in das vom Zorn gerötete, mir völlig unbekannte Technikergesicht.

Ein Neuer! Ah-Oh!

"Se kenna do ned eifach da reikomma un... un da rummacha!" sagt er nachdrücklich.

Ich nenne deutlich meinen Namen - keine Reaktion. Ich erkläre dem ganz offensichtlich brandneuen Haustechniker, dass ich etwas zu reparieren habe und zeige ihm den abgebrochenen Stecker. Er betrachtet das Ding wie ein besonders widerliches Insekt, das sich auf der Windschutzscheibe seines Rolls Royce zerbatzt hat.

"Ham Se an blauen Reparaturauftrag?!" raunzt er mich an. Ah-Oh! Ich räume ein, dass ich keinen habe und er wirft mich hinaus. Auf dem Weg zum Lift begegne ich dem Leiter der Haustechnik. Ich lächele freundlich: "Wussten Sie schon, dass ich keinen blauen Reparaturauftrag habe?" sage ich im Plauderton. Sonst nichts. Der Werkstattleiter wird schlagartig kalkweiss, zieht scharf die Luft ein und stürzt ohne ein weiteres Wort an mir vorbei in die Werkstatt. Während ich auf den Lift nach oben warte, höre ich seine verzweifelten Schreie. Ich mache eine Zwischenstop in der Tiefgarage und schiebe alle Wagen, bei denen die Handbremse nicht angezogen ist, aus ihren Boxen. Ein hübsches Durcheinander. Dann befestige ich Wegwerf-Feuerzeuge unter zwei schwer zugänglichen Sprinklern und lasse sie auf kleiner Flamme schmoren. Nach meiner Schätzung wird in spätestens zwanzig Minuten das Parkdeck überflutet. In beiden Aufzügen klebe ich frischen Kaugummi in die Löcher der Lichtschranken; die Fahrstühle bleiben gehorsam auf auf dem obersten Stockwerke stehen und rühren sich nicht mehr vom Fleck. In Labor II der Biophysiker verstöpsele ich sorgfältig das Handwaschbecken, stopfe den Lappen in den Überlauf und drehe das Wasser voll auf. Ich schätze, dass in etwa einer Stunde die katholischen Theologen im Stockwerk unter uns die feuchte Gabe von oben bemerken und Alarm schlagen werden.

Zurück in meinem Büro ignoriere ich das hektisch klingelnde Telefon - ich kann mir schon denken, wer dran ist - und rufe statt dessen über die Modemleitung die Metzgerei um die Ecke an. Der Angestellte dort ist zuerst etwas verblüfft, aber dann freut er sich natürlich, dass die Stammkundschaft in der Haustechnik anstatt wie üblich zwei Pfund ab morgen zwanzig Pfund Leberkäse beziehen wird. Ausserdem erkläre ich ihm überzeugend, dass Bier am Arbeitsplatz von nun an nicht mehr angebracht sei und er doch bitte von nun an zur Brotzeit Eistee mit Maracuja-Geschmack liefern solle. "Und Essiggurken", füge ich noch hinzu, "mindestens ein Pfund jeden Tag." Er verspricht, dass alles nach unserer Zufriedenheit erledigt werden würde.

Im Sekretariat erkundige ich mich nach den blauen Formularen für Reparaturaufträge. Frau Bezelmann deutet auf die entsprechende Schublade, ohne den konzentrierten Blick von ihrem neu aufgerüsteten Mac zu wenden. Wieder einmal bemerke ich mit Befriedigung, dass unsere Mitarbeiter moderne Bürotechnik zu schätzen wissen. "Da sind nur noch 36 drin", stelle ich beiläufig fest und nehme den Packen an mich. "Sie sollten bei Gelegenheit neue besorgen." Frau Bezelmann blickt kurz von ihrem Computerspiel auf (aus den Augenwinkeln sehe ich, dass sie mittlererweile den Super-Witch-Level III in 'SadoVixens' erreicht hat!) und verzieht ihre Mundwinkel ganz leicht nach unten. Der Rabe Nero krächzt beifällig in seinem goldenen Käfig. Ich gebe ihr die high five und marschiere zurück in mein Büro.

Mit Hilfe des Computers im Universitätsbauamt - ein mies geschützter uralter HP; aber er hängt wenigtens am Netz - suche ich die Zimmernummern der an schwersten zugänglichen und am weitesten entfernten Räume im ganzen Campus heraus. Dann fülle ich sorgfältig und genüsslich 36 Reparaturaufträge für flackernde Neonlampen, überflutete Klospülungen, kaputte Klimaanlagenregler, zerbrochene Telefonanschlussdosen, tropfende Wasserhähne, fehlende Türklinken, verbogene Fensterbrettabtropfnasen, festgefahrene Jalousien, fehlende Heizkörperventilkappenthermostate, tote Datennetzzugänge und verstopfte Entlüftungsschächte aus. Selbst wenn die Burschen der Haustechnik dort nichts vorfinden, was zu reparieren ist (was ich bezweifele), werden sie allein Wochen dafür brauchen, die Räume alle aufzusuchen.

Dann lehne ich mich entspannt zurück und lausche noch eine Stunde dem periodisch wiederkehrenden Klingeln des Telefons.

Gegen halb vier, kurz bevor ich mich in den wohlverdienten Feierabend verabschieden möchte, klopft es zaghaft an der Türe. Der stellvertretende Werkstattleiter der Haustechnik steht draussen. Es schwitzt, dass ihm die Sosse aus den Augenbrauen tropft, und er hält krampfhaft eine hübsch verpackte Magnum umklammert. (Nicht doch! Nicht was Sie denken! Dies ist eine gewaltfreie Kolumne! Ich spreche von einer Sektflasche!)

"So ein Zufall", rufe ich erfreut und halte ihm den Packen blaue Reparaturformulare unter die tropfende Nase. "Gerade wollte ich das an Sie in die Hauspost geben.

Eine halbe Stunde später einigen wir uns, dass in beiderseitigem Interesse und unter der Berücksichtigung, dass der Kollege von heute morgen noch ganz neu und unerfahren war, etc. etc. pp. ... Friede, Freude, Eierkuchen! Gemeinsam lassen wir feierlich die 36 blauen Reparaturformulare in Frau Bezelmanns neuen Reisswolf, Marke 'Final Extinction', verschwinden.

Auf dem Heimweg denke ich noch, dass eine solche Magnum doch ziemlich schwer ist. Das nächste Mal sollen sie sie mir gefälligst gleich ins Haus schicken.


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Beim morgendlichen kurzen Sprint zum vorgewärmten Roadstar sehe ich meinen Atem als weisse Fahne vor mir herwehen. In der Cafeteria überschreitet die Dichte der Studenten pro verfügbarem Stehplatz den kritischen Wert von 3,75. Allen Ortes trifft man auf tief braungebrannte, fröstelnde Dozenten, die mit gehetztem Blick auf die Gucci-Armbanduhren äugen. Sämtliche Kopierer sind belegt oder wegen Überlastung ausgefallen.

Zwecklos es weiter zu leugnen: Das Wintersemester hat begonnen!

Auch für den BAFH ist dies eine Zeit hektischer Aktivität! Schliesslich will man ja nicht unvorbereitet ins Semester gehen...

Sorgfältig überwache ich die Haustechniker bei der Installation der neuen vollelektronischen Schliessanlage auf unserem Flur. "Es ist ein Skandal, wieviele Rechner in unserem Institut verschwinden", hatte ich dem Chef gesagt. "Wir brauchen eine Zugangskontrolle zu den Institutsräumen." "Ja, äh... nun ja, sicher... Sie haben sicher Recht, Leisch. Aber, äh...was das wieder kostet..."

Dabei war die Finanzierung ein Klacks. Im SCHWAFEL-Projekt gibt es einen Posten 'Qualitätskontrolle' mit über 20.000 Ecu. Da sich schon jetzt abzeichnet, dass bei dem Projekt (wie bei allen EG-Projekten!) nichts, aber auch gar nichts herauskommen wird, dessen Qualität man eventuell kontrollieren könnte, bezahle ich damit die 'Zugangskontrolle'. Falls jemand nachfragt, kann ich immer noch sagen, ich hätte mich verlesen.

Die Eurokraten können sowieso kein Deutsch, die meisten nicht mal genug Englisch, um unsere Abschlussberichte zu verstehen (einer der Gründe, warum in Brüssel alles so unendlich langsam abläuft, ist wohl die Tatsache, dass die dortigen Eurokraten sämtliche Berichte und Briefe Wort für Wort im Lexikon nachschauen müssen!).

Befriedigt sehe ich, wie die letzten Schrauben angezogen werden. Dann kommt der Test. Zugang ist nunmehr nur noch mit Kodekarte möglich (die Kodekarten vergibt nach eingehender Prüfung Frau Bezelmann persönlich!). Studenten und anderes Fussvolk müssen klingeln, damit jemand für sie aufs Knöpfchen drückt.

Kaum sind die Techniker abgezogen, modifiziere ich die Anlage dahingehend, dass es bei mir klingelt, wenn jemand den Knopf für die Bibliothek drückt.

Schon kurz darauf läutet es. Sie sind zu zweit, Brownie und Blondie. "Wir möchten gerne in die Bibliothek", erklärt Blondie zaghaft und Brownie lächelt unsicher. "Kann ich bitte Ihre Studentenausweise sehen?" frage ich höflich. Beide fangen sofort an, in ihren ESPRIT Rucksäcken - Verzeihung - ESPRIT Backpacks zu kramen. Ganz offensichtlich Frischlinge! "Ah, ja", sage ich. "Wie ich sehe, haben Sie beide noch keine Bibliotheks- Verschleiss-Gebühr für dieses Semester entrichtet. Wenn Sie wollen, können wir das sofort erledigen. Kommen Sie bitte mit..." Blondie und Brownie folgen mir wie verwirrte Lämmer in mein Büro. Dort setze ich mich hinter mein Display und sage: "Wir haben - wie Sie sicher wissen - zwei Tarife: den normalen für 15 Mark und den erweiterten für 25 Mark." Sie starren mich unsicher an. "Was ist denn der erweiterte Tarif?" wagt Blondie schliesslich zu flüstern. "Der berechtigt Sie zum nicht nur zum Besuch der Bibliothek, sondern Sie dürfen sich dort sogar hinsetzen und eine Tischfläche von 80 x 100 Zentimeter für Ihre Recherchen belegen", erkläre ich geduldig. Die beiden schauen sich ratlos an. "Dann nehme ich den erweiterten", entschliesst sich Blondie. "Ich auch", ruft Brownie und kramt nach ihrer Geldbörse.

Am frühen Nachmittag haben bereits 61 Studenten ihre Bibliotheks- Verschleiss-Gebühren entrichtet. Ein hübscher Nebenverdienst!

Während ich auf Nachzügler warte, suche ich in der Werkstatt und in den Labors einen Haufen Computerschrott zusammen, entferne sorgfältig alle Hinweise auf unser Institut (man glaubt gar nicht, an welchen unmöglichen Stellen überall Inventar-Nummern angebracht werden!) und verpacke das Zeug in zwei Rechner-Kartons von der letzten CIP- Lieferung. Nachdem ich mich Dank PhotoShop mit den notwendigen Unterlagen versehen habe, setzte ich eine dunkle Sonnenbrille auf und leihe mir die fesche Schirmmütze von Kollege O., die er letztes Jahr aus Chicago von der 'International Processor Conference', kurz IPC, mitgebracht hat.

Auf dem Handwagen des Hausmeisters karre ich die beiden Kartons hinüber zur RKFH ('Reisekostenstelle from Heaven' für die Neuhinzugekommenen!). Ich fahre, ohne lange zu fackeln, mitten ins Geschäftszimmer und wuchte die beiden Kartone auf den Boden. Drei RKFHler starren mich verblüfft an. "Tach zusammen", sage ich gelangweilt und ziehe mit einer routinierten Bewegung die fingierten Lieferscheine aus der Gesässtasche. "Internationel Parcel Catering. Ihre neue Anlage ist da. Kann mir jemand das bitte mal quittieren..." "Wer... wer hat denn das alles bestellt?" Eine der Reisekosten-Tanten - vermutlich die derzeit ranghöchste - hat sich aufgerafft und späht kurzsichtig auf die Papiere. Ich runzele die Stirn und studiere nun meinerseits den Lieferschein. "Also da steht 'Mühlstein-Obergauer'."

Frau Mühlstein-Obergauer, meine besonderere Freundin, ist in Urlaub. Ich weiss das, weil sie kurz vorher noch den Antrag auf Erstattung meiner umfangreichen Spesen in Las Vegas abgelehnt hat. Danach ist die feige Socke einfach abgedampft, und alle meine Eingaben werden seither nur mit dem Vermerk 'Sachbearbeiter auf Erholungsurlaub' beantwortet.

"Na, gut. Wenn Frau Mühlstein-Obergauer das bestellt hat..." Die ranghöchste Reisekosten-Tante will die Lieferung quittieren. "Moment noch", sage ich. "Vorher müssen die Liefergebühren an ICP bezahlt werden werden." "Liefergebühren?!" Ich deute wieder auf den fingierten Wisch. "Da stehts: Lieferung durch ICP zu Lasten des Bestellers. Das macht 267 Mark 78 inklusive MWSt"

Meine Forderung löst einige hektische Aktivität aus. Ein subalterner RKFHler wird sofort zur Amtskasse geschickt. Mehrere rote, grüne und gelbe Formulare müssen ausgefüllt und von mir gegengezeichnet werden. Aber nach einer halben Stunde kann ich siegreich und um DM 267,78 reicher das Feld räumen.

Nachdem ich Kollege O. die Mütze zurückgebracht habe, schnitze ich befriedigt eine neue tiefe Kerbe in meine Tischkante.

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